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Alt werden in unserer Gesellschaft – Wo bleiben die Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit

Tagungsbericht  zur Fachtagung der LAGH am 30. November 2005 in der Geschäftsstelle der LAGH

Susanne Ulrich

Es ist noch nicht allen klar: Auch Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung werden immer älter und benötigen spezielle Hilfen im Alter. Die bestehenden Einrichtungen und Hilfesysteme sind auf diese Entwicklung nur unzureichend vorbereitet. Verschiedene Mitgliedsverbände der LAGH sind deshalb mit der Bitte an uns herangetreten, auf ihre Probleme aufmerksam zu machen und Lösungsansätze für die Versorgung älter werdender chronisch kranker und behinderter Menschen zu entwickeln.

Im Jahr 2002 hat die LAGH einen Arbeitskreis zum Thema „Alte Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit in Bayern“ eingerichtet und zwei Jahre intensiv am Thema gearbeitet. In einer im Jahr 2004 veröffentlichten Denkschrift: “Alte Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung in Bayern“ wurden die Ergebnisse zusammengestellt, veröffentlicht und in die politische Diskussion eingebracht.

Die am 30. November 2005 durchgeführte Fachtagung zum Thema: „Alt werden in unserer Gesellschaft - Wo bleiben die Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit?“ bildete gewissermaßen den Auftakt für die nun weiteren geplanten Aktivitäten einer breit angelegten Öffentlichkeitsarbeit der LAGH zu diesem Thema.

Im Zentrum der Fachtagung stand eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus den Fraktionen des Bayerischen Landtags, des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen und des Verbandes der Bayerischen Bezirke:

  • Joachim Unterländer, MdL, CSU,
  • Christa Steiger, MdL, SPD,
  • Renate Ackermann, MdL, Bündnis 90/Die Grünen,
  • Dr. Rolf Baumann , Ltd. Ministerialrat, StMAS,
  • Franz Wölfl, Ltd. Ministerialrat, StMAS,
  • Reinhold Frank, Verband der Bayerischen Bezirke

Moderation: Reinhard Kirchner, Geschäftsführer der LAGH

Nach den Einführungen ins Thema durch den Vorstandsvorsitzenden der LAGH, Herrn Dr. Josef Pettinger, wurden im ersten Teil der Veranstaltung anhand ausgewählter exemplarischer Beispiele von chronisch kranken und behinderten Menschen im Alter die unterschiedlichen Probleme dargestellt:

  • Hildegard Vorholzer, Hermann Hoisl, Stotterer Selbsthilfe Bayern e.V.
  • Rudolf Gast, LV Bayern der Gehörlosen e.V.
  • Elke Schurmann, Christian Fladerer, Bayerische Gesellschaft für psychische Gesundheit e.V.
  • Dr. Herbert Demmel, Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund Bayern e.V.
  • Dr. Nicosia Nieß, Hilfe für das autistische Kind e.V.
  • Siegrid Sommer, von Recklinghausengesellschaft e.V.

Die Vertreter der Mitgliedsverbände der LAGH schilderten beeindruckend, mit welchen Problemen chronisch kranke und behinderte Menschen im Alter konfrontiert sind. Dabei wurde deutlich, dass die Alten- und Behindertenpolitik derzeit noch unzureichende Antworten auf die dargestellten Probleme und Problemlagen geben kann.

Ausschnitte aus der Präsentation der Selbsthilfeverbände

Stottern bewirkt nicht nur eine erschwerte Kommunikation im Alter, sondern darüber hinaus treten oft psychosoziale Probleme (Angst, Rückzug, Apathie) auf - zusätzlich zu den Veränderungsprozessen, die jeder Mensch mit dem Altern erlebt. Gerade im Alter führen diese Probleme dann oftmals in die völlige Isolation. Sprachtherapien werden bei älteren Menschen, die stottern, mit dem Argument abgelehnt, dass kein Fortschritt in der Sprachentwicklung mehr zu erwarten sei.

Ältere Menschen mit Neurofibromatose, einer seltenen Tumorerkrankung, die starke Veränderungen auf der Haut und im Aussehen des Patienten hervorruft, haben ebenfalls zusätzliche Probleme im Kontakt mit ihrer Umwelt. Selbst das Pflegepersonal in den Einrichtungen schreckt immer wieder davor zurück, z.B. Patienten, die sichtbare Tumore auf der Haut haben, zu waschen. Eine andere Folge der Tumorerkrankung können Teilleistungsstörungen sein. Werden diese nicht entsprechend therapiert, gehen die Alltagsfertigkeiten der betroffenen Menschen teilweise ganz verloren.

Ein großer Teil der Menschen wird erst im Alter stark sehbehindert oder erblindet. Die psychische Belastung, sich im Alter mit diesen Einschränkungen auseinandersetzen zu müssen, ist hier besonders hoch. Beim Wegfall der optischen Kontrolle wird nicht nur die im Alter meistens schon eingeschränkte Beweglichkeit zusätzlich verschlechtert, sondern auch die Verrichtung alltäglicher Dinge ist nicht mehr möglich. Der Antrieb für das Erlernen von Mobilitätspraktiken oder von Schreibtechniken (Braille) ist im Alter oft unzureichend vorhanden.

Autistische Personen sind in der Regel in ihren lebenspraktischen und sozialen Fähigkeiten stark eingeschränkt. Bei autistischen Personen, die ihr Leben in einer Werkstatt für behinderte Menschen oder auch auf dem ersten Arbeitsmarkt verbracht haben, bedeutet der Eintritt ins Rentenalter eine, auch mit intensiver Unterstützung, nur schwer zu bewältigende Aufgabe. Gerade im Alter ist eine intensive Betreuung und permanente Begleitung notwendig. Geeignete Wohnformen für diesen Personenkreis existieren heute noch nicht.

Wenn bei psychisch kranken Menschen im Alter noch altersbedingte körperliche Einschränkungen oder chronische Erkrankungen hinzukommen, dann hat dies gravierende Auswirkungen auf das Alltagsleben der betroffenen Menschen. Dieser Personenkreis ist nicht in der Lage, diese Einschränkungen z.B. durch den Einsatz von Hilfsmitteln eigenverantwortlich zu bewältigen. Der zusätzliche Betreuungsaufwand wird in der Regel bei den Pflegeleistungen nicht berücksichtigt. Es fehlen „Hilfen zur Selbstversorgung“ in den verschiedensten Bereichen wie z.B. bei der Körperpflege, der Nahrungsversorgung oder bei ärztlich angeordneter bzw. medikamentöser Versorgung.

Die bei gehörlosen Menschen durch die Hörschädigung bedingten Probleme in der Kommunikation potenzieren sich im Alter, z.B. bei zunehmender Demenz, dramatisch.

In einem Alten- oder Pflegheim ist kaum Personal vorhanden, das die Gebärdensprache beherrscht oder die Probleme gehörloser Menschen kennt.

Sind gehörlose ältere Menschen einer „hörenden Umwelt“ allein ausgesetzt, dann führt das Missverstandenwerden und die eingeschränkte Kommunikation unweigerlich zur Isolation, Resignation und Depression. Oftmals landen gehörlose ältere Menschen zu Unrecht in der Psychiatrie, obwohl durch Dolmetscher und Kommunikationsassistenten eine altersgemäße Versorgung durchaus möglich wäre.

Podiumsdiskussion

Die Vertreter des Ministeriums hoben hervor, dass es immer schon die Politik des Sozialministeriums war, die Voraussetzungen zu schaffen, damit möglichst unbürokratisch bei Einrichtungen der Eingliederungshilfe Pflegeleistungen und umgekehrt in Pflegeeinrichtungen Maßnahmen der Eingliederungshilfe eingebunden werden können. Oftmals scheitern aber praktikable Lösungen an den engen Spielräumen, die durch die Bundesgesetze in diesen Bereichen vorgegeben sind. Die Kosten- und Einrichtungsträger sind allerdings verpflichtet, Sorge dafür tragen, dass auch für chronisch kranke und behinderte Menschen im Alter ein ausreichendes Leistungsangebot zur Verfügung steht. Ziel aller Maßnahmen muss sein auch für älter werdende chronisch kranke und behinderte Menschen ein so lange wie möglich selbstbestimmtes Leben in der ihnen vertrauten Umgebung zu führen. Die betroffenen Menschen dürfen nicht gezwungen werden ihre gewohnte Umgebung, den Arbeitsplatz oder das Wohnumfeld verlassen zu müssen. Die ganzheitliche, qualifizierte Förderung und Betreuung dieses Personenkreises, z.B. in den Einrichtungen der Eingliederungshilfe, muss so lange wie möglich sichergestellt werden. In den Pflegeeinrichtungen könnte versucht werden durch tagesstrukturierende Angebote den Bedürfnissen dieses Personenkreises besser gerecht zu werden. Mit der Einführung des „Persönlichen Budgets“ eröffnen sich künftig bei den ambulanten Hilfen und in den stationären Einrichtungen flexiblere Konzepte in der Förderung und Betreuung. Gefordert sind Konzepte, die sich an dem individuellen und speziellen Hilfebedarf der chronisch kranken und behinderten Menschen im Alter orientieren.

Die Vertreterin der SPD-Fraktion betonte, dass die vielfältigen individuellen Bedürfnislagen der betroffenen Menschen Ausgangsbasis für die staatlichen Planungen sein müssen. Unterschiedliche Leistungsangebote dürften sich nicht gegenseitig ausschließen: Der Einsatz von Pflegeleistungen darf nicht dazu führen, dass Maßnahmen der Eingliederung und Leistungen der Rehabilitation ausgeschlossen werden. Sie sprach sich für eine Stärkung ambulanter Strukturen aus. Gleichzeitig muss aber sichergestellt werden, dass eine Verzahnung von ambulanten Hilfen mit stationären Diensten stattfindet. Neue Wohnformen wie „Betreutes Wohnen“, Wohngemeinschaften oder auch „Generationen übergreifendes Wohnen“ könnten dazu beitragen, dass auch chronisch kranke und behinderte Menschen im Alter so weit wie möglich selbstbestimmt in dem von ihnen gewünschten Umfeld leben können. Die SPD-Fraktion sieht einen wichtigen Ansatz der Umsetzung dieser politischen Ziele auch darin, in allen Bereichen unnachgiebig die Umsetzung des Bayerischen Gleichstellungsgesetzes (BayBGG) zu fordern.

Der Vertreterin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen war es wichtig darauf hinzuweisen, dass in Ausbildungsgängen der Fachkräfte im Pflege- und Behindertenbereich noch stärker das Wissen über die speziellen Probleme älterer Menschen mit einer chronischen Krankheit oder Behinderung vermittelt wird.

Der Vertreter der CSU-Fraktion stellte heraus, dass ein mittel- und langfristiger Umbau der Behindertenhilfe – auch in Bezug auf die Altersproblematik – unumgänglich sei. Dieser Umbau wird ein politischer Schwerpunkt in der Arbeit der CSU sein. Politische Handlungsfelder seien in diesem Zusammenhang die Bedarfsfeststellung für ambulante Wohnangebote, Förderung tagesstrukturierter Angebote, Unterstützung der Träger bei notwendigen Umstrukturierungsprozessen oder die Schaffung modellhafter Angebote.

Die Bayerischen Bezirke sehen durch die demographische Entwicklung einer überproportional anwachsenden Zahl von Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit im Alter eine große Herausforderung, die neue Konzepte und Planungen erfordert. Angedacht ist die Auflösung der gegenwärtig strengen Dreiteilung von ambulanten, teilstationären und stationären Hilfen. Der Ausbau des ambulant betreuten Wohnens ist ein weiteres vorrangiges Ziel. Darüber hinaus müssten - auch im Sinne der Entbürokratisierung - künftig die „Leistungen aus einer Hand“ erfolgen. Trotz der derzeitigen gesetzlich vorgegebenen Trennung von Eingliederungshilfe und Pflege wird versucht mit Mischformen der Leistungserbringung dem Anspruch einer individuellen Versorgung gerecht zu werden:

  • Eingliederungshilfe mit Pflege,
  • Pflege mit Eingliederungshilfe und
  • reiner Pflege.

Im Vordergrund stehen hierbei auch Überlegungen für die Entwicklung von Verfahren der „individuellen Hilfeplangestaltung“.

Fragen und Beiträge aus dem Publikum

Aus dem Publikum wurden weitere Beispiele genannt, wo menschenunwürdige Situationen und nicht mehr tragbare Zustände für chronisch kranke und alte Menschen mit Behinderung entstehen.

Mittel- und langfristig kann die Verbesserung der Situation von Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung im Alter nur durch die Änderung von gesetzlichen Regelungen bzw. durch die Schaffung eines eigenständigen Leistungsgesetzes erfolgen.

Aber auch in der Verbesserung des „Qualitätsmanagements in der Rehabilitation und Pflege“ und in der Mitsprache und Beteiligung der SELBSTHILFE von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihrer Angehörigen bei Maßnahmen und Modellen zur Förderung und Versorgung dieser Personenkreise wurden hoffnungsvolle Ansätze gesehen.

Ausblick

Mit dieser Fachtagung konnte in einem ersten Schritt erreicht werden, die Anliegen der Selbsthilfe zum Thema „Alte Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit“ mit politisch verantwortlichen Vertretern in Bayern zu diskutieren und öffentlich zu machen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema geht weiter: Z.B. am Runden Tisch „Zukunft der Behindertenhilfe“ im Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen (StMAS) und in dem von der Bayerischen Staatsministerin, Christa Stewens, gebildeten „Forum Soziales Bayern“.

Möglicherweise konnte die LAGH mit ihrer Denkschrift zum Thema und jetzt mit ihrer Veranstaltung neue Impulse setzen.

Die CSU-Fraktion hat sich beispielsweise für das neue Jahr ein Projekt zum Thema „Ältere Menschen mit Behinderung“ vorgenommen und es wird in diesem Zusammenhang auch auf die Initiative der LAGH verwiesen.

Eine weitere Fachtagung der LAGH zu diesem Thema ist geplant. Mit den unmittelbaren Akteuren der Behindertenhilfe (Wohlfahrtsverbände, Einrichtungen und Dienste) soll das Thema weiter diskutiert werden.

München, 18. April 2006

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