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Die Situation alter behinderter und chronisch kranker Menschen — Angebote, Visionen und Grenzen der Selbsthilfe. Was kann die SELBSTHILFE dazu beitragen?

Einführung

Seit dem Jahr 2002 beschäftigt sich die LAG SELBSTHILFE mit dem Thema „Alte Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit“. Bereits 2004 hat der Arbeitskreis eine Denkschrift „Alte Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung in Bayern“ herausgegeben und die zentralen Punkte von Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung im Alter herausgearbeitet. (siehe www.lag-selbsthilfe-bayern.de)

Die Tabellen im Anhang der Denkschrift verdeutlichen, dass es keine einheitlichen Konstellationen der Problemlagen alter Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit gibt. Die individuelle Lebenssituation des Einzelnen zieht unterschiedliche Problemlagen nach sich. Ebenso wird deutlich, wie vielfältig die Problemlagen älterer Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung sind. Werden diese ignoriert bzw. nicht in die Unterstützungskonzepte miteinbezogen, dann bleibt diese Personengruppe auf der Strecke.

Bericht Fachtagung

Die Fachtagung am 20. November 2008 hatte zum Thema welche Angebote die SELBSTHILFE machen kann um die Situation von alten Menschen mit einer speziellen Erkrankung oder Behinderung zu verbessern bzw. welche Hilfestellung sie möglicherweise auch Fachleuten der Behinderten- und Altenhilfe anbieten kann. Ziel der Fachtagung war nicht die bestehenden Versorgungssysteme zu kritisieren, sondern Vorschläge für die Zusammenarbeit zu präsentieren.

Im Mittelpunkt der Tagung stand eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der Politik aus den Fraktionen der CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen, des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, des Dt. Caritasverbands Bayern und eines kommunalen Einrichtungsträgers, Münchenstift:

  • Joachim Unterländer, MdL, CSU,
  • Christa Steiger, MdL, SPD,
  • Renate Ackermann, MdL, Bündnis 90/Die Grünen,
  • Dr. Rolf Baumann , Ltd. Ministerialrat, StMAS,
  • Andrea Falkowsky, Referentin Behindertenhilfe/Erwachsene, Dt. Caritasverband Bayern
  • Gerd Peter, Geschäftsführer, MÜNCHENSTIFT GmbH

Moderation: Reinhard Kirchner, Geschäftsführer der LAGH

Nach der Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden der LAG SELBSTHILFE, Herrn Dr. Josef Pettinger, und der Einführung ins Thema durch Susanne Ulrich, Referentin der LAG SELBSTHILFE, wurde im ersten Teil der Veranstaltung anhand ausgewählter Beispiele zu chronischen Erkrankungen und Behinderungen im Alter aufgezeigt in welchen Bereichen die Selbsthilfeverbände einen Beitrag leisten können:

  • Mia Schunk, 2. Vorsitzende, Dt. Alzheimergesellschaft - Landesverband Bayern e.V.
  • Christian Seuß, Geschäftsführer, Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. (BBSB)
  • Claudia Masling, Projektleiterin, Stiftung Pfennigparade e.V.

Ausschnitte aus den Präsentationen der Selbsthilfeverbände

Alzheimergesellschaft - Landesverband Bayern e.V.

Als spezielles Angebot sowohl für pflegende Angehörige als auch Fachkräfte der Altenhilfe organisiert die Alzheimergesellschaft „Info Tage“. Damit will sie aktuelle Informationen über vorhandene Versorgungsangebote weitergeben, Anregungen zur Kooperation und zum Aufbau weiterer Hilfen bieten. Dadurch soll auch ermöglicht werden, dass sich vorhandene Anbieter vernetzen können. Die Info-Tage werden regional organisiert.

Weiter führt die Alzheimergesellschaft Schulungen für ehrenamtliche Helfer durch. Von 2003 bis 2008 haben 100 Helferkreisschulungen stattgefunden, ca. 1300 ehrenamtliche Helfer/Helferinnen wurden ausgebildet.

Außerdem stellt die Alzheimergesellschaft ein Qualifizierungskonzept für ambulante Dienste zur Verfügung. Inhaltliche Schwerpunkte des Konzepts liegen in der Vertiefung der Kenntnisse über gerontopsychiatrische Krankheiten, speziell Demenz und Depression, den Umgang mit Demenzkranken - Leitlinien zur Kommunikation, Fallbesprechungen - und der Angehörigenarbeit. Erfreulicherweise fördert der Bezirk Oberbayern und Mittelfranken diese Kurse (z.B. konnten im Bezirk Oberbayern im Jahr 2007 15 Qualifizierungskurse durchgeführt werden). Leider leisten alle anderen Bezirke keine finanzielle Unterstützung, sondern verweisen auf die Träger der Einrichtungen. Gerade durch die Qualifizierungskurse wird aber deutlich, wie dringend nötig diese, aus der Perspektive der SELBSTHILFE angebotenen, speziellen Schulungen für Fachpersonal sind.

Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. (BBSB)

Neben einem ausdifferenzierten Beratungsangebot für sehbehinderte bzw. erblindete Menschen hat der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) eine modulare Fortbildungsreihe „Selbsterfahrung und Information“ für Pflegekräfte entwickelt, die über den BBSB gebucht wer-

den können. Zielgruppe sind Altenpflegeheime, ambulante Pflegedienste, Ausbildungsstätten sozialer Berufe und Verkehrsbetriebe. Die Themen der Module lauten „Grundlagen, Leben mit einer Sehbehinderung, selbstständige Mobilität und Selbstständigkeit im Alltag“. 2007 konnten 1265 Personen von Rehafachkräften des BBSB unterstützt werden und 45 Schulungen bei Leistungserbringern durchgeführt werden. In der Zukunft will der BBSB die Kontakte zu Augenärzten und –kliniken, Leistungserbringern und Medien intensivieren. Leider reicht die öffentliche Förderung für diese Arbeit des BBSB bei weitem noch nicht aus.

Stiftung Pfennigparade e.V.

Die Stiftung Pfennigparade entwickelte im Laufe ihrer 50-jährigen Geschichte, auf der Grundlage ihrer Betroffenenkompetenz, ein professionelles und umfangreiches Leistungsangebot für Menschen mit Körperbehinderung. Gegenwärtig nimmt die Nachfrage an Wohnangeboten für Menschen mit Behinderung im Rentenalter immer mehr zu. Neben vielen anderen Aufgaben, die verschiedenste Lebensbereiche von Menschen betreffen und denen sich die Stiftung Pfennigparade annimmt, will sie deshalb in Form eines Projekts ein spezielles Wohnangebot für alt gewordene behinderte und nichtbehinderte Menschen umsetzen. Durch dieses Projekt soll die starre Wahlmöglichkeit für behinderte Senioren zwischen stationärer Versorgung und eigenständigem Wohnen mit ambulanten Serviceleistungen aufgelöst bzw. flexibel gestaltet werden. In dem neu zu schaffenden Wohnraum mitten in München werden sowohl behinderte Menschen leben, die im Rentenalter sind als auch Familien, die ein behindertes Familienmitglied haben. Das Wohnumfeld wird insgesamt so gestaltet, dass sowohl alle nötigen Versorgungsleistungen als auch Beschäftigungsmöglichkeiten für die Freizeit erreichbar sind. Bis ans Lebensende soll Unterstützung je nach der Bedürfnislage der betroffenen Menschen ermöglicht werden, bis hin zur Hospizbegleitung.

Podiumsdiskussion

Frau Andrea Falkowsky betonte, wie wichtig der Dialog mit der SELBSTHILFE für den Wohlfahrtsverband sei, da sich gerade beim Thema Alter und Behinderung die Wohlfahrt mit sehr vielfältigen Problemen konfrontiert sähe.

Herr Gerd Peter war der Auffassung, dass es nicht eine Frage des Geldes sei um etwas in der Alten- und Behindertenpolitik zu bewegen. Vielmehr könnte in den Altenheimen deutlich mehr getan werden, wenn nur der Wille dafür vorhanden wäre. Ein Problem sei, dass die Altenhilfe momentan vor allem von der Problematik „demenzkranke Menschen“ überwältigt wird und oftmals keine entsprechenden Konzepte vorhanden sind. Ein weiteres großes Problem seien die fehlenden Pflegekräfte. Außerdem fehle ein umlagefinanziertes Ausbildungssystem.

Herr Dr. Rolf Baumann ging auf die Entwicklung für älter werdende Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung auf stationärem Gebiet ein. Die Bedarfserhebungen der Bezirke und Einrichtungsträger erleichterten die Planung von Angeboten für Menschen mit Behinderungen erheblich. Im ambulanten Bereich fehlten noch flächendeckende Angebote, die Angebote der offenen Behindertenarbeit seien sehr gefragt. Die SELBSTHILFE stehe vor der Problematik, dass es bei den Zuschussgebern kein abgestimmtes System gäbe und somit auch keine verlässliche Einahmensquelle. Die SELBSTHILFE habe sich auch die Aufgabe gegeben, neben ihrer Funktion als „Berater“ eine Art „Heimat für betroffene Menschen“ zu sein. Deshalb sei es ein wichtiges Anliegen, Voraussetzungen zu schaffen, damit die SELBSTHILFE verstärkt auch ihre „Arbeit vor Ort“ ausbauen könne.

Herr Joachim Unterländer betonte, dass es zum zentralen Thema der Politik werden müsse, weitere Reformen zu Gunsten der behinderten und chronisch kranken Menschen einzuleiten. Die CSU arbeite auch verstärkt an dem Thema „Alte Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit“ (vgl. Projekt der CSU „Ältere Menschen mit Behinderung“). So sei es ihm auch ein Anliegen, dass die für die Bedarfsplanung älterer chronisch kranker und behinderter Menschen nötige Finanzierung bereitgestellt werde.

Frau Renate Ackermann stellte lobend die guten Beratungsangebote der SELBSTHILFE heraus und forderte deshalb, die nötige finanzielle Unterstützung dafür bereitzustellen. Parallel müsse aber auch eine Wertediskussion geführt werden für mehr bürgerschaftliches Engagement. Spezialisierte Ausbildungen von Fachkräften müssten mehr im Fokus stehen. Für alte behinderte und chronisch kranke Menschen müssten mehr angemessene Wohnangebote geschaffen werden. Oft sei nicht die Finanzierung das Problem, da es auch „überbetreute“ Menschen gebe. Mit mehr „Maßschneiderung“ für die individuelle Situation des betroffenen Menschen könne man ein viel befriedigenderes Ergebnis für die betroffenen Menschen erreichen.

Frau Christa Steiger betonte, dass in jedem Fall der Ansatz für Unterstützungsleistungen immer bei dem betroffenen alten Menschen selbst gesucht werden müsse. Das habe zur Folge, dass mehr Geld für die Arbeit der SELBSTHILFE zur Verfügung stehen müsse. Das vielfältige Wissen über Krankheiten/Behinderungen könne eine Ausbildung zum Fachpfleger nie vermitteln und deshalb sei hier die Einbindung der Angebote der SELBSTHILFE gefragt. Als besonders problematisch sehe sie die individuelle Versorgung älterer behinderter und chronisch kranker Menschen vor Ort. Die Bedarfsplanung müsse sich deshalb verstärkt an den regionalen Bedürfnissen orientieren. Ein weiteres ungelöstes Problem sei nach wie vor das teilweise noch mangelhafte Zusammenwirken der unterschiedlichen Leistungsträger, z.B. bei Pflegeversicherungsleistungen und bei Leistungen der Eingliederungshilfe.

Zusammenfassende Überlegungen zur Zukunft der Unterstützung von alten Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit

Bei der Versorgung von alten Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit muss es einen Perspektivenwandel geben, der die verschiedensten Problemlagen der unterschiedlich betroffenen Menschen in den Mittelpunkt aller Überlegungen stellt.

Die SELBSTHILFE kann dabei nicht die Fachleute in der Alten- und Behindertenhilfe ersetzen. Aber nur sie kann den aus der Betroffenenperspektive entwickelten Beitrag zur Verbesserung der aktuellen Lebenssituation alter Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung liefern: ihre über Verbandsstrukturen gesammelten und gebündelten Erfahrungen als „Kompetenz der eigenen Betroffenheit“ an alle mit der Problematik befassten Akteure weitergeben. Sie darf dabei nicht als kostengünstiges Sparmodell für fehlende Unterstützungsangebote aus dem professionellen Fachbereich der Alten- und Behindertenhilfe missbraucht werden.

Die Zukunft liegt in einer eng abgestimmten Zusammenarbeit der professionellen Angebote und dem Beitrag der SELBSTHILFE. Durch die frühzeitige Einbeziehung der SELBSTHILFE in die Unterstützungs- und Versorgungsplanung für alte Menschen mit Behinderung und chronischer Krankheit lassen sich tragfähige Strukturen für diesen Personenkreis entwickeln, die auch den tatsächlichen Bedürfnissen der betroffenen Menschen gerecht werden. Der ständige Erfahrungsaustausch der fachspezifischen Selbsthilfeorganisationen mit den Einrichtungs- und Kostenträgern könnte so eine neue Entwicklung in der Alten- und Behindertenhilfe einleiten. Eine Möglichkeit wäre z.B. die Einbeziehung der Vertreter der Selbsthilfeverbände beim Abschluss von Zielvereinbarungen für die Versorgung und Betreuung einzelner chronisch kranker und behinderter Menschen.

München, 10. Dezember 2008

Kirchner, Falkowsky, Peter, Dr. Baumann, Unterländer, Ackermann, Steiger Kirchner, Falkowsky, Peter, Dr. Baumann, Unterländer, Ackermann, Steiger Volles Haus Volles Haus

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