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Integration von chronisch kranken und behinderten Menschen: (K)ein Thema?

Bericht über die Fachtagung der LAG Selbsthilfe Bayern am 22. April 2008

Nicole Lassal

 

Der Arbeitskreis „Integration“ der LAG SELBSTHILFE hatte in den vergangenen Jahren drei Positionspapiere veröffentlicht zu den Themen: Integration von chronisch kranken und behinderten Menschen in Schule, Arbeit und Gesellschaft. Eine Fachtagung zum Thema sollte die anwesenden Gäste und insbesondere die Vertreter aus Politik und den entsprechenden Staatsministerien über die im Arbeitskreis erarbeiteten Ergebnisse und Forderungen der Mitgliedsverbände der LAG SELBSTHILFE informieren und zur Diskussion einladen.

Herr Dr. Josef Pettinger, Vorsitzender der LAG SELBSTHILFE, bemerkte in seiner Begrüßung: „Unsere heutige Fachtagung soll als Ziel haben, einerseits schlaglichtartig zu zeigen, wieweit die Gesellschaft in der Praxis der täglichen Abläufe Leben oder, modern ausgedrückt, Teilhabe für Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten, möglich macht und wie andererseits in der Gesellschaft verantwortliche Menschen, z.B. Politiker, etwas dazu beitragen können, um noch behindernde Zustände aus dem Weg zu räumen.“ Als Informationsblock sollten deswegen – nach dem Themenaufriss durch den Geschäftsführer der LAG SELBSTHILFE, Herrn Reinhard Kirchner - kurze Impulsreferate der Vertreter unserer Mitgliedsverbände zu den Bereichen Schule, Arbeit und Gesellschaft einer Podiumsdiskussion vorangestellt werden.

Impulsreferate

Schule

Zunächst schilderte Aaron Schaal, selbstbetroffen von der Stoffwechselerkrankung Glutarazidurie, seine Erfahrungen als Schüler zunächst in einer Förderschule, danach integriert in eine Regelschule. Aaron Schaal stellte die Vor- und Nachteile und die jeweiligen Möglichkeiten der Förderschule der integrativen Regelschule gegenüber. Auf Förderschulen treffen die betroffenen Schüler auf gute Rahmenbedingungen bezüglich adäquater Unterstützung und individueller Fördermaßnahmen. Bei einer integrativen Regelschule können die betroffenen Schüler ohne Barrieren und ohne Unterstützung durch Helfer oder Eltern Freundschaften zu nichtbehinderten Schülern schließen und am Schulleben teilhaben.

Die rechtliche Sicht der Möglichkeiten und Grenzen der schulischen Integration legte Martina Buchschuster vom Verband Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen e. V. dar. Es herrscht eine Diskrepanz zwischen Gesetzen und schulischer Wirklichkeit. Demnach gelingt nur dann die schulische Integration, wenn seitens der Schule der ausdrückliche Wille dazu besteht. Frau Buchschuster plädierte für ein Elternwahlrecht, das den derzeitigen gesetzlichen Regelungen nicht entspricht. Nach dem bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz entscheidet letztendlich das Schulamt auf welche Schule ein behindertes oder chronisch krankes Kind geht.

Zwingende Voraussetzung für eine gelungene Integration in die Regelschule ist eine ausreichende schulische Assistenz für die behinderten und chronisch kranken Schüler. Derzeit müssen sich viele Eltern die Kostenübernahme für die schulische Assistenz für ihre Kinder erst erstreiten. Außerdem müssen sie die Assistenten selbst einstellen, was erhebliche Konsequenzen hat: Die Eltern treten gegenüber den Assistenten als Arbeitgeber mit allen Pflichten auf. Viele Eltern schreckt das ab und erschwert ihnen die Entscheidung für eine Integration ihrer Kinder in die Regelschule.

Außerdem machte Martina Buchschuster darauf aufmerksam, dass es derzeit keine Möglichkeit gibt, aufgrund der Behinderung des Kindes einen Gastschulantrag bei einer anderen Schule zu stellen. Eltern können demnach ihre Kinder nicht ohne weiteres an einer Schule anmelden, die die besseren Bedingungen für die Integration des behinderten Kindes aufweist.

Arbeit

Zum Thema Integration von behinderten und chronisch kranken Menschen in das Arbeitsleben, berichtete Franz Herrmann vom Bayerischen Cochlear Implant Verband, dass die Arbeitslosigkeit bei schwerhörigen oder ertaubten Menschen größer ist als bei nichtbehinderten Menschen. Auch bei guter Ausbildung haben diese Personen Schwierigkeiten einen Arbeitsplatz zu finden, da es immer noch viele Vorurteile bei den Arbeitgebern gibt.

Joachim Weiß , Selbsthilfe Körperbehinderter Landesverband Bayern, schilderte Beispiele und eigene Erfahrungen aus seinem Berufsleben. Behinderte Menschen werden von der Arbeitsvermittlung schnell auf eine Werkstatt oder ein Berufsbildungswerk verwiesen, selbst wenn Qualifikation und Vorraussetzungen für die Integration am ersten Arbeitsmarkt vorliegen.

Beate Probst , Verband Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen e. V., wollte einen Platz in einer Behindertenwerkstatt für ihren Sohn unter allen Umständen verhindern. Die Eltern haben eine eigene Firma aufgebaut, deren Geschäftsführer nun der behinderte Sohn ist und damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Seitens der Behörden hat die Familie bisher keine Unterstützung bekommen.

Barbara Kanz vom Verband Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen e. V. referierte über die rechtlichen Aspekte der Integration behinderter und chronisch kranker Menschen ins Arbeitsleben. Sie stellte die Frage, warum es für Schüler an Förderschulen keine längere Schulzeit geben kann, obwohl gerade diese Schüler eine besondere Förderung bedürfen. Außerdem kritisierte sie die Hervorhebung der Behinderungsart auf den Sonderschulzeugnissen, da diese für die Schüler ein Hindernis bei der späteren Bewerbung darstellen könnten. Frau Kanz forderte auch die Teilhabe von behinderten Jugendlichen an der Gesellschaft durch Arbeit und Lohn. In den Werkstätten für behinderte Menschen müssten Arbeitnehmerverhältnisse existieren und den Werkstattmitarbeitern eine gerechte Entlohnung zukommen.

Gesellschaft

Behinderte Menschen, insbesondere psychisch behinderte Menschen, werden immer noch von der Gesellschaft ausgegrenzt, schilderte Karl-Heinz Möhrmann vom Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker. Das Stigma „Behinderter“ oder „psychisch Kranker“ löst nach wie vor Ängste sowie Verdrängungsmechanismen aus, die verhindern, dass chronisch kranken und behinderten Menschen ohne Vorurteile und auf gleicher Ebene begegnet wird. Dabei führen Behinderungen häufig erst durch die soziale Ausgrenzung zu einer schwerwiegenden Beeinträchtigung. Es gibt viele falsche Informationen und Vorurteile über die Lebensumstände chronisch kranker und behinderter Menschen. Insbesondere gilt das für seelisch behinderte Menschen. Für chronisch kranke und behinderte Menschen bedeutet Integration, gleichberechtigt teilnehmen zu können an den Angeboten des gesellschaftlichen Lebens. Obwohl Behinderung jeden treffen kann, kommen die Probleme und die Bedürfnisse von chronisch kranken und behinderten Menschen auch in der politischen Diskussion kaum vor. Im Gegenteil: oftmals erzeugen die besonderen Hilfen für diesen Personenkreis Neid und Missgunst in der Öffentlichkeit. Gesellschaftliche Integration ist ein Prozess, dem sich alle stellen müssen, der Zeit braucht und von allen Verantwortlichen unterstützt werden muss.

Podiumsdiskussion

Auf dem Podium waren als Vertreter des Landtages Joachim Wahnschaffe, (MdL) SPD – Vorsitzender des Soz.pol. Ausschusses,Renate Ackermann (MdL) Bündnis 90/DIE GRÜNEN – sozialpol. Sprecherin, Reserl Sem(MdL) CSU – ehem. Mitglied des Ausschusses Bildung, Jugend und Sport und als Vertreter der Fachministerien Willi Johannes Kainz, Referatsleiter StMAS, Erich Weigl, Referent StMUKWK. Die Moderation übernahm der Geschäftsführer der LAG SELBSTHILFE Bayern e. V., Reinhard Kirchner.

Zunächst drehte sich die Diskussion um die Integration von chronisch kranken und behinderten Kindern und Jugendlichen in die Schule. Der Vertreter der SPD, Joachim Wahnschaffe, zog als Fazit aus den Impulsreferaten, dass zum einen der Paradigmenwechsel des SGB IX noch nicht im Alltag der Menschen mit Behinderung angekommen sei und auf Bayern bezogen, dass es im bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz noch systemimmanente Schwierigkeiten gäbe. Er sah es als Aufgabe der Politik diese Reibungsverluste zu beseitigen.

Die Vertreterin der CSU, Reserl Sem, sprach sich für eine ausreichende schulische Assistenz aus und zeigte Verständnis für den Wunsch der Mitgliedsverbände der LAG SELBSTHILFE nach einem Elternwahlrecht.

Renate Ackermann von Bündnis 90/DIE GRÜNEN forderte eine stärkere Durchlässigkeit und Flexibilität des Schulsystems, insbesondere auch für chronisch kranke und behinderte Schüler. Lehrer und Schulen sollten den Focus nicht auf die Schwächen sondern auf die Stärken der Schüler richten und den Fördergedanken mehr in den Mittelpunkt stellen.

Diesen Gedanken griff auch der Vertreter des Kultusministeriums, Erich Weigl, auf. Er betonte ausdrücklich, dass sich in Bayern viel bewegt hat durch die Novellierung des bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes. Aus dem Ministerium sind verstärkt Unterstützungsmaßnahmen für die Einzelintegration von behinderten und chronisch kranken Schülern unternommen worden. Trotzdem wird auch die Förderschule weiterhin als Angebotsschule unterstützt und ausgebaut. Auch die Förderberufsschulen nehmen aus Sicht des Bayerischen Kultusministeriums eine wichtige Rolle beim Erlangen der Ausbildungsreife und eines Schulabschlusses für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf ein. Seitens der Bayerischen Staatsregierung wurde eine Bildungsoffensive gestartet, die mehr Lehrerstellen und mehr Ganztagsangebote für alle Schulbereiche in Bayern beinhalte.

In diesem Zusammenhang ist auch aus dem Plenum darauf hingewiesen worden, dass die Integration von chronisch kranken und behinderten Kindern nicht zum Nulltarif geschehen dürfe, sondern dass gerade bei Kindern mit Förderbedarf die bestehenden Angebote weiter ausgebaut werden müssen, sei es bei den Förderschulen oder aber als Fördermaßnahmen in der Regelschule.

Willi Johannes Kainz , Vertreter des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, wies in seinem Beitrag darauf hin, dass die Arbeitslosigkeit bei schwer behinderten Arbeitnehmern deutlich höher sei als bei nichtbehinderten Arbeitnehmern. Trotzdem kann man gerade für das letzte Jahr den Trend erkennen, dass der Abbau der Arbeitslosigkeit insgesamt auch bei den schwer behinderten Arbeitnehmern ankommt. Im Vergleich zum Vorjahr konnte die Arbeitslosenzahl der schwer behinderten Arbeitssuchenden von 23.000 auf 19.000 in Bayern verringert werden. Bei der Arbeitsvermittlung, die unter das Aufgabenspektrum der Arbeitsagentur fällt, wird ein personenzentrierter Einsatz verfolgt, der die Wünsche des einzelnen berücksichtigen muss. Gleichwohl sieht Kainz Probleme bei den Werkstätten für Behinderte, die ursprünglich als Übergang zum ersten Arbeitsmarkt vorgesehen waren, einen Anspruch, der nur zu selten Wirklichkeit wird. Deswegen gibt es derzeit ein gemeinsames Projekt von Sozial- und Kultusministerium, das u. a. geistig behinderte Menschen gleich in den ersten Arbeitsmarkt integrieren soll. Ziel für die Zukunft ist, dass immerhin 10 % der geistig behinderten Schulabgänger auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Mit dem Persönlichen Budget gibt es ein neues Instrument, das auch im Bereich Beruf, Ausbildung und Fortbildung erst noch erprobt werden muss.

Aus dem Plenum wurde von der Behindertenbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, Anita Knochner, darauf hingewiesen, dass nach der Ratifizierung und dem in Kraft treten der neuen UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geprüft werden muss, ob das in Werkstätten übliche arbeitnehmerähnliche Verhältnis von Menschen mit Behinderung überhaupt noch rechtmäßig sei.

Fazit

Das Thema Integration von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung in die Gesellschaft war, wie die Diskussion zeigte, am schwierigsten zu fassen. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass gesellschaftliche Integration ein langer Prozess ist, der nicht verordnet werden kann. Wichtige Orte für die Integration sind Kindergärten, Schulen etc., mit dem Vorteil, dass bereits Kinder von Anfang an mit Behinderung und chronischer Erkrankung konfrontiert werden. Die Gestaltung einer barrierefreien Umwelt ist eine weitere Voraussetzung der Integration, da es behinderten und chronisch kranken Menschen erst dadurch möglich ist, an dem öffentlichen Leben teilzunehmen. Eine bloße Zusammenführung von behinderten und nichtbehinderten Menschen allein ist aber noch keine Integration, aber eine erste Chance durch Begegnung gemeinsame Erfahrungen zu schaffen. Die Integration von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung hat auch durch das Engagement der Selbsthilfe schon erste Erfolge gezeigt. Wir dürfen aber nicht nachlassen, dieses Thema in vielen Bereichen voran zu treiben, damit die gleichberechtigte Teilhabe chronisch kranker und behinderter Menschen in möglichst allen Bereichen unserer Gesellschaft verwirklicht werden kann.

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