Direkt zur Hauptnavigation Direkt zum Inhalt
Puzzle Hintergrundbild Puzzle Hintergrundbild
Puzzle Hintergrundbild Puzzle Hintergrundbild

Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung der Rehabilitation und Pflege in der Kritik der Betroffenen

Bericht über die Fachtagung der LAGH

Reinhard Kirchner

Am 15. Dezember 1998, 14.00 Uhr, hatte die Landesarbeitsgemeinschaft "Hilfe für Behinderte" in Bayern e.V. (LAGH) zu ihrer Fachtagung eingeladen.

 

Das große Interesse an dieser Veranstaltung (über 120 Teilnehmer) hatte uns völlig überrascht und machte kurzfristig eine Verlegung vom Zentrum der Bayerischen Behindertenverbände in den großen Saal der Bayerischen Industrie- und Handelskammer in der Nähe der Geschäftsstelle der LAGH notwendig.

In der bisher von den Kostenträgern der Behindertenhilfe sowie den Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege geführten Diskussion über die Qualität in der Rehabilitation und Pflege waren die betroffenen chronisch Kranken und Menschen mit einer Behinderung nicht oder nur unzureichend einbezogen worden.

Die Frage nach der Qualität einer Leistung beinhaltete unseres Erachtens die Diskussion, inwieweit die betroffenen chronisch kranken und behinderten Menschen Leistungen in diesem Bereich als qualitativ hochwertig empfinden.

Ziel dieser Veranstaltung war, einerseits einen Überblick über die derzeit geführte Diskussion um Qualitätsstandards, Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung zu geben und andererseits den Vertretern unserer Mitgliedsverbände sowie geladenen Gästen Gelegenheit zu bieten, ihre Erfahrungen als Betroffene zu äußern.

Das Podium war mit hochkompetenten Fachleute aus folgenden Behörden und Institutionen besetzt:

  • Herr Ltd. Ministerialrat Dr. Kurt Fürnthaler , Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit
  • Herr Ministerialrat Franz Wölfl , Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit
  • Herr Harold Engel , Leiter der Grundsatzabteilung der AOK Bayern
  • Herr Horst Brinkmann, Bezirk Oberbayern
  • Herr Günter Hartmann-Temper, DeutscherCaritasverband, Landesverband Bayern e.V.
  • Herr Werner Fack , Referent für Behindertenhilfe des Diakonischen Werks der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern e.V.

 Moderation: Reinhard Kirchner, Geschäftsführer der LAGH

In der Veranstaltung wurde deutlich, daß die Betroffenen mit dem derzeitigen System der Sicherung der Pflege und der Rehabilitation nicht zufrieden sind.

Die kürzlich in München bekanntgewordenen Pflegeskandale und die bei weitem noch nicht ausreichenden Hilfestellungen für eine möglichst selbständige Lebensführung, wurden als Indiz für eine unzureichende "Qualität in der Pflege und Rehabilitation" betrachtet.

Viele der Diskussionsteilnehmer versuchten zunächst, die Mißstände, insbesondere im Bereich der Pflege, aufzuzeigen.

Die zuvor in den Statements von den Kostenträgern herausgearbeiteten Argumente, daß durch Qualitätsmanagement und durch Qualitätsüberprüfung die Betreuung von Menschen mit einer chronischen Krankheit und Behinderung verbessert werden könnte, wurden von den Teilnehmern der Diskussion kritisch hinterfragt.

Es wurde die Befürchtung geäußert, daß mit Qualitätsstandards wie "Versorgungspläne" und "Zeitkorridore" Pflege- und Betreuungstätigkeiten lediglich opernationalisiert, d.h. in Arbeits- und Tätigkeitsschritte zerlegt werden, um sie für einen Kosten- und Einrichtungsträger besser überprüf- und anrechenbar zu machen. Ob diese Maßnahmen im konkreten Alltag auch eine Verbesserung der Betreuungs- und Pflegesituation für die Betroffenen bedeuten, wurde stark bezweifelt.

Immer wieder wurde bemängelt, daß bei Überlegungen, wie Qualität in der Rehabilitation und Pflege verbessert werden kann, die Betroffenen bisher nicht gefragt worden sind.

Eine echte Qualitätsverbesserung würde bedeuten, daß entsprechend der verschiedenartigen Formen von chronischen Krankheiten und Behinderungen unterschiedliche Betreuungs- und Pflegeangebote modifiziert und entwickelt werden müßten, um den Anspruch eines bedürfnisorientierten Qualitätskonzepts zu erfüllen.

Wenn bis heute, nach Meinung vieler Teilnehmer, noch nicht einmal die Grundversorgung gewährleistet ist und aufgrund von Kosteneinsparung die personelle Ausstattung der Pflege- und Betreuungsdienste nicht wesentlich vorangetrieben wird, dann sei der Diskussion um die Qualitätsverbesserung mit allergrößter Skepsis zu begegnen.

Herr Fack von der Diakonie arbeitete in seinem Eingangsreferat gut heraus, daß bei der Frage der Festlegung von Qualitätsstandards bei der Betreuung von Menschen mit einer Behinderung zwar vielfältige sozialwissenschaftliche, behindertenpädagogische, philosophische und theologische Abhandlungen vorlägen, aber hinsichtlich der zu sichernden Qualitätsziele noch keine konkreten Vorstellungen vorhanden seien.

Einige Teilnehmer äußerten die Vermutung, daß Qualitätsstandards seitens der Kostenträger ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Kosteneinsparungen diskutiert werden. Die Probleme chronisch Kranker und behinderter Menschen geraten aber bei solchen Diskussionen nur marginal ins Blickfeld. Qualitätsstandards haben dann nur das Ziel, mit möglichst geringen Mitteln einen bestmöglichen Zufriedenheitsgrad bei allen Beteiligten in der Rehabilitation und Pflege zu erreichen.

Wenn auch begrüßt wurde, daß bei konkurrierenden Angeboten von privaten und öffentlichen Trägern z.B. hinsichtlich der fachlichen und personellen Besetzung in den Einrichtungen Mindestanforderungen erfüllt werden müssen, so wird bezweifelt, daß aufgrund der bereits erwähnten unterschiedlichen chronischen Krankheiten und Behinderungen überhaupt ein adäquater einheitlicher Qualitätsmaßstab erreicht werden kann. Hier können nur die betroffenen chronisch Kranken und behinderten Menschen als Konsumenten der Pflege und Rehabilitationsangebote und nicht die Fachleute und Helfer entscheiden, was Qualität in der Rehabilitation und Pflege sei.

Es müßte besonders im Interesse der Kostenträger und der professionellen Helfer liegen, im ständigen Dialog mit den Betroffen zu erfahren, welche angewandte Maßnahme für den Einzelnen die qualitativ beste ist. Nur durch eine unmittelbare Einbeziehung der Betroffenen in die Diskussion um Qualitätsstandards, läßt sich nach Meinung der Diskussionsteilnehmer der Prozeß einer Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung in Gang setzen. Die Einbeziehung der Betroffenen in diesen Prozeß ist eine Voraussetzung für die von der LAGH geforderte Zielsetzung einer Hilfe für ein selbstbestimmtes Leben.

Betroffenen- und Angehörigenbeiräte, ganz besonders aber die Selbsthilfeverbände in der LAGH, könnten innerhalb eines solchen Prozesses nicht nur wertvolle Hilfestellung bieten, sie wären der Garant, daß eine an die Bedürfnisse der Betroffenen angepaßte Betreuungs- und Hilfeleistung in der Rehabilitation und Pflege auch unter dem Gesichtpunkt der Kostengestaltung hocheffizient wäre.

nach oben


Puzzle Hintergrundbild Puzzle Hintergrundbild