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Zur „Integration in die Gesellschaft“

Arbeitspapier des Arbeitskreises „Integration“

3. Schwerpunkt: Allgemeine Gedanken zur „Integration in die Gesellschaft“

Reinhard Kirchner, Nicole Lassal

Nach der „schulischen Integration“ und der „Integration in die Arbeitswelt“, bildet nun abschließend die „Integration in die Gesellschaft“ den 3. Arbeitsschwerpunkt des Arbeitskreis der LAGH „INTEGRATION“.

Wie schon die Diskussion zur schulischen Integration und zur Integration in die Arbeitswelt gezeigt hat, macht allein schon der alltägliche Sprachgebrauch deutlich, dass Menschen mit einer chronischen Krankheit und Behinderung nur unzureichend in unsere Gesellschaft integriert sind. Im Mittelpunkt der Betrachtung von Menschen mit chronischer Erkrankung und Behinderung stehen das Handicap, die Einschränkungen und Defizite dieser Menschen. Nach wie vor wird vom „Behinderten“ gesprochen und nicht vom Menschen mit Behinderung. Man unterstellt, dass das Wesen eines behinderten Menschen seine Behinderung sei.

Die unterschiedlichen Sichtweisen von „Integration“

Wir haben es also einmal bei der Auseinandersetzung mit dem Begriff „Integration“ damit zu tun, dass eine große Differenz zwischen der Betrachtungsweise besteht, wie sich chronisch kranke und behinderte Menschen gern in dieser Gesellschaft verstanden wissen möchten, und wie sie von ihren Mitmenschen betrachtet und bewertet werden. Zum anderen kann man feststellen, dass Krankheit und Behinderung von den meisten Menschen weitgehend verdrängt und tabuisiert werden.

Viele Menschen haben Berührungsängste, wenn sie auf einen betroffenen Menschen mit einer chronischen Krankheit oder Behinderung stoßen. Darüber hinaus gibt es die Angst der Mitmenschen im Umgang mit chronisch kranken Menschen, sich möglicherweise anzustecken oder sich beim Kontakt, z.B. mit einem Menschen mit einer psychischen Krankheit, einer Gefahr auszusetzen. Darüberhinaus besteht die Sorge, etwas im Umgang mit einem behinderten Menschen falsch zu machen.

In keinem Bereich gibt es so viele falsche Informationen und Vorurteile wie über die Lebensumstände von chronisch kranken und behinderten Menschen.

Die eigene Betroffenheit als Grundstein für die Auseinandersetzung mit chronischer Krankheit und Behinderung

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dieser Problematik gelingt in der Regel erst dann, wenn man in irgendeiner Weise selbst betroffen ist. D.h. man wird krank oder durch einen Schicksalsschlag behindert oder aber im Umfeld der Familie, des Freundeskreises wird man mit dieser Problematik konfrontiert. Dann ist die Hilflosigkeit oftmals riesengroß und man ist froh über jede Information, beispielsweise über ein Krankheitsbild oder die Auswirkung einer Behinderung.

Gerade in dieser eigenen Betroffenheit wird klar, dass man möglicherweise genau in die Situation kommt, die man durch sein eigenes Verhalten gegenüber chronisch kranken und behinderten Menschen ständig praktiziert hat: Man hat weggeschaut, man hat argumentiert, dass behinderte oder chronisch kranke Menschen selbst an ihrer Situation schuld seien, man hat möglicherweise im Stillen gedacht, dass man so wie viele Menschen mit einer Behinderung leben, auf keinen Fall leben möchte, sondern sich dann lieber den Tod wünschte.

In der eigenen Betroffenheit erfährt der Begriff chronische Krankheit und Behinderung neue Qualität. Man fühlt sich selbst nicht behindert, man erlebt sich nur eingeschränkt, gehandicapt, und wehrt sich mit allen Anstrengungen dagegen, nicht mehr als „normales“ Mitglied in unserer Gesellschaft zu gelten.

Der behinderte Mensch als Objekt im Hilfesystem

Darüber hinaus hat sich insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland ein Unterstützungs- und Hilfesystem für Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung etabliert, das auf der Grundlage der christlichen Nächstenliebe vorrangig als „Hilfe für die Armen und Bedürftigen“ verstanden worden ist. Dies hat andererseits dazu geführt, dass chronisch kranke und behinderte Menschen vom Hilfesystem abhängig werden und sich eher als Objekte dieser Hilfen und nicht als Subjekt, als Bürger dieser Gesellschaft erfahren. Gleichzeitig haben die speziellen Hilfen und Sonderformen zur Förderung von chronisch kranken und behinderten Menschen auch zu einer gewissen Ausgrenzung und zum Ausbau von Sondereinrichtungen geführt, die einer gewünschten Integration und Normalisierung dieses Personenkreises nicht immer förderlich sind.

Integration ist Teilhabe

Integration bedeutet für chronisch kranke und behinderte Menschen, teilhaben zu können an den Angeboten des gesellschaftlichen Lebens. Die hierbei erforderlichen technischen Hilfsmittel, Pflege, Betreuung und Assistenz, sollen jedoch nicht Mittel zum Selbstzweck sein, sondern sollen dazu dienen, dass Menschen mit einer chronischen Krankheit und Behinderung so weit wie möglich ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben führen können.

Inwieweit der einzelne Betroffene in unsere Gesellschaft integriert ist, hängt vielfach von seiner individuellen Situation ab. Faktoren wie Wohnen und Berufstätigkeit, Besuch der Schule, Hilfsmittel oder die familiäre Unterstützung entscheiden über die mögliche Integration.

Allein der Begriff der „Integration“ ist sehr schillernd und wird je nach gesellschaftlicher Gruppe aber auch in den einzelnen Leistungsgesetzen für chronisch kranke und behinderte Menschen unterschiedlich ausgelegt und interpretiert.

Dabei beinhaltet dieser Begriff doch nicht weniger und auch nicht mehr als das Ziel, als Individuum in dieser Gesellschaft anerkannt und aufgenommen zu werden. Als Bürger dieses Staates teilhaben zu können, die gleichen Rechte wahrzunehmen wie andere Menschen auch und sein Leben eigenständig gestalten zu können. Solange der Mensch mit einer Behinderung nur unter dem Fokus als chronisch kranker oder behinderter Mensch betrachtet wird, wird es keine Integration in diesem Sinne geben.

Integration: Der Weg ist das Ziel

Das formale Zusammenführen von so genannten nicht behinderten und behinderten Menschen allein ist noch keine Integration, sondern erst die inhaltliche Bestimmung was mit dieser Zusammenführung erreicht werden soll, beschreibt den mühevoll zu gestaltenden Prozess der Integration. Gesellschaftliche Integration kann nicht verordnet und nicht allein durch einüben oder lernen erreicht werden. Integration muss von allen Beteiligten erfahren werden können, und muss beschrieben, gestaltet und weiter vorangetrieben werden. Gesellschaftliche Integration ist der Prozess, dem wir uns alle als Mitglieder dieser Gesellschaft stellen müssen. Integration bedeutet auch Demokratie zu leben, mitgestalten zu können und die gleichen Rechte wie alle Bürger in Anspruch nehmen zu können. Chronisch kranke und behinderte Menschen sind Teil der Gesellschaft und in gleichem Maße wie das Verhalten der Öffentlichkeit gegenüber Menschen mit einer Behinderung oftmals eine Zumutung darstellt, in gleichem Maße muss von der Gesellschaft gefordert werden, dass sie sich mit chronisch kranken und behinderten Menschen auseinandersetzt.

Selbsthilfe und Beteiligung

Durch die von den chronisch kranken und behinderten Menschen entwickelte Idee der Selbsthilfe ist ein wichtiger Ansatzpunkt für die Gestaltung des Prozesses der Integration entstanden. Gleichbetroffene solidarisieren sich, unterstützen sich gegenseitig und formulieren gemeinsame Forderungen. In den gesellschaftlichen Bereichen, in denen die Hilfssysteme auf der Grundlage der Leistungsgesetze umgesetzt werden (durch die Krankenkassen, Pflegekasse, Eingliederungseinrichtungen etc.) müssen die chronisch kranken und behinderten Menschen beteiligt werden. Hierfür steht z.B. in der Organisationsform unserer LAGH als Dachorganisation von 98 Behindertenselbsthilfeorganisationen ein wirkungsvolles Instrument zur Interessenvertretung dieser Personenkreise zur Verfügung. Nur in der gemeinsamen Auseinandersetzung, im gemeinsamen Diskurs, wird es gelingen, Verhältnisse zu konstituieren, in denen chronisch kranke und behinderte Menschen ihre berechtigten Ansprüche im Sinne von Nachteilsausgleich erhalten können, ohne sich als Bittsteller fühlen zu müssen. Nachteilsausgleiche sind berechtigte Ansprüche eines jeden Bürgers, die sich aus dem Sozialstaatsprinzip ergeben.

Die besonderen Hilfen für chronisch kranke und behinderte Menschen können auch Neid und Missgunst in der Öffentlichkeit erzeugen

Insbesondere in Zeiten einer rigiden Sparpolitik werden Menschen mit einer Behinderung als reiner Kostenfaktor betrachtet. Die Versorgung von behinderten Menschen erzeugt oftmals sogar Neid und Missgunst in der Öffentlichkeit. Die oftmals auch von Politikern so bezeichnete „Luxusversorgung“ für Menschen mit Behinderungen in den Einrichtungen, der besondere Kündigungsschutz für behinderte Menschen im Arbeitsleben und die Leistungsgesetze erzeugen oftmals unterschwellig in breiten Kreisen der Bevölkerung ein Gefühl der Missgunst. Äußerungen wie „die chronisch kranken und behinderten Menschen sollten sich dankbar zeigen für die geleistete Hilfeleistung“ oder „chronisch kranke und behinderte Menschen müssen sich eben mit einer geringeren Lebensqualität zufrieden geben“ sind hierfür nur einige Beispiele.

Der Leistungsbegriff als Hemmschuh der Integration?

Sicher trägt auch der in unserer Gesellschaft überstrapazierte Begriff der „Leistungsgesellschaft“ dazu bei, dass Menschen mit einer chronischen Krankheit und Behinderung allein deshalb nicht voll integriert werden können, weil sie scheinbar nicht die entsprechenden Leistungen erbringen. Oftmals liegt die Problematik der Leistungsfähigkeit nicht an dem möglichen Leistungspotenzial der chronisch kranken und behinderten Menschen, sondern vielmehr darin, dass in unserer Gesellschaft bestimmte Tätigkeiten, Leistungen, insbesondere aber auch Verhaltensweisen honoriert werden, bei denen chronisch kranke und behinderte Menschen auf Grund ihrer chronischen Erkrankung oder Behinderung von vorne herein benachteiligt sind.

Auf der anderen Seite ist die Öffentlichkeit nicht über das Leistungspotential von chronisch kranken und behinderten Menschen informiert.

Oftmals sind die Leute immer wieder erstaunt darüber, welch großartige Leistungen beispielsweise Sportler bei den Paralympics oder auch behinderte Künstler erbringen.

Integration bedeutet deshalb, dass in der Gesellschaft Entwicklungen und Prozesse gefördert werden müssen, die nicht nur die marktwirtschaftlich verwertbaren Leistungen honorieren.

Gerade chronisch kranke und behinderte Menschen erbringen einen wesentlichen Beitrag für die in unserer Gesellschaft produzierten Sozialleistungen bei. Viele Hilfen, die beispielsweise ursprünglich als reine Hilfestellung für chronisch kranke oder behinderte Menschen gedacht waren, stellen sich im Nachhinein als soziale Errungenschaft für alle Bevölkerungsteile heraus (Abbau der Barrieren bei Verkehrsmitteln oder öffentlichen Gebäuden).

In einer Komplexität des gesellschaftlichen Handlungsgeschehens sind die Formen der Lebensbewältigung chronisch kranker und behinderter Menschen wichtiger Bestandteil eines gemeinschaftlichen Integrationsprozesses. Diesen zu fördern und weiter zu entwickeln, sollte das vordringliche politische Ziel in unserer Gesellschaft sein.

Chronische Krankheit, Behinderung und Medien

Das Bild von chronisch kranken und behinderten Menschen prägen auch die Medien. Hier spielen chronisch kranke und behinderte Menschen nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Behindertenorganisationen stellen immer wieder fest, wie schwer es ist, mit ihren Anliegen die Medien zu erreichen. Nach wie vor wird in den Medien über behinderte und chronisch kranke Menschen immer noch im Sinne des Mitleids über die individuellen Schicksale dieser Menschen berichtet oder aber das Bild vom Menschen mit Behinderung wird verklärt und überhöht (die scheinbar übersinnlichen Fähigkeiten von blinden Menschen). Behinderte und chronisch kranke Menschen kommen dabei selten zu Wort und letztendlich fokussiert sich das Interesse am behinderten Mensch in der Regel auf sein Krankheitsbild und seine Einschränkungen.

Den Prozess der Integration in den Medien voranzutreiben würde bedeuten, dass zu möglichst allen Themen auch chronisch kranke und behinderte Menschen befragt werden. Bisher ist es nur ganz wenigen chronisch kranken und behinderten Menschen in den Medien gelungen, zu Fachthemen ihre Meinung beitragen zu können, ohne auf ihre Behinderung reduziert zu werden (z.B. Innenminister Schäuble). Erst, wenn die Medien auch an den Meinungen der Menschen mit chronischer Krankheit und Behinderung zu allgemein gesellschaftlichen Themen interessiert sind, können wir von einem richtigen Weg in Richtung „Integration“ reden.

Integration als Impuls der Betroffenen

Die erfolgreichen Bemühungen der Selbsthilfeorganisation, insbesondere unserer LAGH in Bayern, zur Schaffung des Bundesgleichstellungsgesetzes bzw. von landesweiten Gleichstellungsgesetzen, sind der von den Betroffenen ausgehende Impuls, den Prozess der Integration auf den Weg zu bringen. Es ist die Chance für die Politik, den Gesetzgeber und die öffentliche Hand, mit der Umsetzung dieser gesetzlichen Regelungen auch Integration und Teilhabe zu verwirklichen.

Das vermehrte Auftreten von chronisch kranken und behinderten Menschen in der Öffentlichkeit muss zur Selbstverständlichkeit werden, kann aber erst dann selbstverständlich sein, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen für dieses vermehrte Auftreten, durch den Abbau von Barrieren, durch technische Hilfsmittel oder durch Assistenz geschaffen werden.

Wie sagt Dr. Peter Radtke in seinem neuen Buch „Sinn des Lebens ist gelebt zu werden“ treffend: „Nur wenn wir gegenseitig gemeinsame Erfahrungen machen, dann werden wir die Dinge auch gemeinsam begreifen können“.

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