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Schulische Integration in Bayern

Nicole Lassal, LAGH Bayern

 

Was ist der „richtige“ Weg zur Integration von behinderten und chronisch kranken Kindern und Jugendlichen? Ist eine Integration an eine Regelschule in jedem Fall sinnvoll und möglich oder ist eine Förderung in einer speziell an den Bedürfnissen des betroffenen Kindes angepasste Einrichtung die bessere Alternative? Bei dieser Frage findet man unter den 90 Mitgliedsverbänden der LAGH viele verschiedene, teilweise gegensätzliche Antworten.

Auf Wunsch ihrer Mitgliedsverbände hat die LAGH dieses Thema aufgegriffen und einen Arbeitskreis gebildet, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Thema Integration von Menschen mit Behinderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen ausführlich zu untersuchen, die gegenwärtigen Probleme aufzuzeigen und Forderungen der Selbsthilfeverbände zu entwickeln.

Dabei ist die „Schulische Integration“, der erste Schwerpunkt des Arbeitskreises, in Bayern insofern von besonderer Bedeutung, da es mit der Änderung des Erziehungs- und Unterrichtsgesetz im Jahr 2003 erstmalig auf der Grundlage von gesetzlichen Regelungen möglich ist, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an allgemeinen Schulen unter bestimmten Voraussetzungen zu integrieren.

Integration an allgemeinen Schulen

Eltern von behinderten oder chronisch kranken Kindern wünschen sich oftmals ebenso wie alle anderen Eltern, dass ihre Kinder in die Schule am Ort gehen, um im wohnortnahen und sozialen Umfeld zu bleiben.

Außerdem besteht die Hoffnung, durch den frühzeitigen Kontakt von behinderten und nichtbehinderten Kindern die Grundlage für eine stärkere gesellschaftliche Akzeptanz zu legen, die sich positiv bis in das spätere Erwachsenenleben auswirkt. Eltern von behinderten Kindern möchten durch die Integration auch die Eigenverantwortung ihrer Kinder stärken und sie im selbständigen Leben unterstützen.

Integration ist als politische Forderung, im Sinne der Teilhabe von behinderten Menschen, zu sehen. Behinderte und chronisch kranke Kinder und Jugendliche haben die gleichen bürgerlichen Rechte wie ihre nichtbehinderten Altersgenossen. Auch ihnen sollte die Wahlfreiheit bei der Bildung und das Prinzip der Chancengleichheit zugesichert werden.

Mit der Änderung des Bayerischen Gesetzes für das Erziehungs- und Unterrichtswesen vom 1. August 2003 wurde das Postulat der Lernzielgleichheit aus dem Gesetz gestrichen und damit die Integration von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ermöglicht. Voraussetzung für den Besuch einer allgemeinen Schule ist die Fähigkeit des Schülers, „aktiv“ am gemeinsamen Unterricht teilzunehmen, d.h. „unterstützt durch die Maßnahmen des Art. 21, Abs. 3 (mobiler sonderpädagogischer Dienst) überwiegend in der Klassengemeinschaft unterrichtet werden, den verschiedenen Unterrichtsformen der allgemeinen Schule folgen und dabei schulische Fortschritte erzielen, sowie gemeinschaftsfähig sein“.

Die grundsätzliche Öffnung bayerischer Regelschulen für behinderte und chronisch kranke Kinder wird jedoch im selben Gesetz wieder eingeschränkt: Ob ein Kind die Voraussetzungen für die Regelschule mitbringt, entscheidet das Schulamt. Nicht entscheidend dabei ist der Wille der Eltern, oder die Frage, ob das Kind unter veränderten Rahmenbedingungen in der Lage wäre, in eine allgemeine Schule integriert zu werden (z.B. kleinere Klassenstärke).

Der mobile sonderpädagogische Dienst (MSD) unterstützt Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an der allgemeinen Schule, darf dabei aber nicht mehr Lehrerstunden aufwenden als in der entsprechenden Förderschule je Schüler eingesetzt werden. Anspruch auf diese Unterstützung gibt es allerdings nicht. Da derzeit nicht in ausreichendem Maße Lehrerstellen beim MSD vorhanden sind, wird der begrüßenswerte Ansatz, nämlich behinderte oder chronisch kranke Kinder in der allgemeinen Schule sonderpädagogisch zu fördern, konterkariert.

Gesetzliche Integrationsmodelle sind in Bayern die Kooperationsklassen an Volksschulen, bei denen eine Gruppe von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in eine allgemeine Klasse aufgenommen, und dabei auch von Sonderpädagogen unterstützt wird. Ein weiteres Modell sind Außenklassen, d.h. Klassen einer Förderschule, die räumlich in einem Gebäude einer Volksschule untergebracht sind und an der allgemeinen Schule entweder teilweise gemeinsam mit Regelklassen unterrichtet werden oder lediglich gemeinsame Freizeitaktivitäten unternehmen können. Hier gibt es keine verbindlichen Richtlinien, dafür viel Gestaltungsspielraum.

Sonderpädagogische Förderung an Fördereinrichtungen

Wenn jedoch die Voraussetzungen für die Einschulung in die allgemeine Schule nicht gegeben sind oder die Eltern gegen diese Entscheidung sind, muss behinderten und chronisch kranken Schülern auch die Möglichkeit der Förderung in einer speziell auf ihre Bedürfnisse ausgerichteten Einrichtung erhalten bleiben.

Spezielle Förderschulen ermöglichen oftmals behinderten oder chronisch kranken Kindern eine bessere Verbindung von schulischem Unterricht und Therapie. Außerdem erhalten die Kinder nicht nur Unterricht im schulischen Stoff, sondern werden unterstützt bei der Handhabung von Hilfsmitteln oder der Orientierung (z.B. sinnesbehinderte oder körperbehinderte Schüler). Manche Kinder benötigen einen „Schutzraum“, der in Förderschulen oder -zentren mit kleinen Klassen und speziell ausgebildetem Personal besser gewährt wird. So sind autistische Kinder oftmals an einer allgemeinen Schule allein hinsichtlich der Schüleranzahl und der Unübersichtlichkeit der Räumlichkeiten überfordert. Für gehörlose oder hörgeschädigte Schüler z.B. ist es an Förderschulen leichter, soziale Kontakte mit Gleichbetroffenen zu schließen.

Das bedeutet nicht, dass eine einmal getroffene Entscheidung für die gesamte Schullaufbahn zu gelten hat. Bei den Elternverbänden der LAGH gibt es viele Beispiele, wo die betroffenen Kinder zuerst eine Förderschule besucht haben, um nach einer gewissen Zeit der besonderen Förderung und Unterstützung an eine allgemeine Schule zu wechseln. Entwicklungsverzögerte Kinder haben beispielsweise in Diagnose-/ Förderklassen die Möglichkeit, durch eine intensive und zeitlich längere Förderung an die allgemeine Grundschule zurückzukehren.

Einen anderen Weg der Integration verfolgen bereits einige Mitgliedsverbände der LAGH: Spezielle Fördereinrichtungen und Schulen von behinderten und chronisch kranken Kindern werden auch für nichtbehinderte Schüler und Jugendliche geöffnet. Es hat sich gezeigt, dass die guten Bedingungen an diesen Einrichtungen, wie z.B. ein kleiner Betreuungsschlüssel, für Nichtbetroffene attraktiv sind.

Forderungen der Selbsthilfeverbände

Für die Mitgliedsverbände der LAGH ist es ein wichtiges Anliegen, dass zwischen Förderschulen und allgemeinen Schulen eine Durchlässigkeit besteht, die nicht nur von der allgemeinen Schule in die Förderschule, sondern auch zurück alle Möglichkeiten für die behinderten und chronisch kranken Kinder eröffnet. Kooperationsklassen, Integration an allgemeinen Schulen und Förderschulen sollten dynamische Modelle sein, zwischen denen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf unbürokratisch wechseln können.

Unerlässlich bei allen Integrationsmodellen ist die sonderpädagogische Unterstützung der Schüler. Keinesfalls darf Integration nur das bloße Zusammenführen von behinderten und nichtbehinderten Kindern in einem gemeinsamen Unterricht in der allgemeinen Schule bedeuten und zum Sparmodell degenerieren, mit dem behinderten Kindern notwendige Fördermaßnahmen vorenthalten werden. Gleichsam sind der Erhalt und die fortlaufende Weiterentwicklung des bestehenden Systems der Förderschulen und –zentren notwendig.

Grundsätzlich muss jedem Schüler der Weg in die allgemeine Schule offen stehen.

Aufgabe der Schulpolitik in Bayern sollte sein, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass nichtbehinderte wie behinderte Schüler gleichberechtigt an allen Angeboten der schulischen Förderung und des schulischen Lebens teilhaben können.

Die Entscheidung, in welche Schule das betroffene Kind eingeschult wird, soll gemeinsam von Eltern, Schule und gegebenenfalls vorschulischer Einrichtung bzw. dem Arzt getroffen werden. Entsprechend der altersgemäßen Entwicklung soll auch der betroffene Schüler/die betroffene Schülerin mit einbezogen werden. Ausschlaggebend soll jedoch nach Meinung der LAGH und ihrer Mitgliedsverbände die Entscheidung der Eltern sein.

Auch die Selbsthilfeverbände von chronisch kranken und behinderten Menschen könnten bei der Entscheidung, wo und unter welchen Voraussetzungen das Kind eingeschult wird, mit ihrem Sachverstand eine wertvolle Unterstützung leisten. Gerade die in den Selbsthilfeverbänden entstandene Kompetenz und Erfahrung der betroffenen Eltern sollte als Kriterium herangezogen werden.

Die Integration behinderter oder chronisch kranker Kinder in die allgemeinen Schulen steht in Bayern noch am Anfang. Integration ist immer individuell vor Ort durchzuführen mit den örtlichen Gegebenheiten und spezifischen Problemen. Wir brauchen daher keine starren Konzepte zur Integration behinderter und chronisch kranker Kinder an allgemeinen Schulen. Die Integration muss immer mit dem jeweiligen behinderten Schüler, dem jeweiligen Lehrer und der jeweiligen Klasse gelingen.

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