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„Die psychische Belastung der nicht professionellen Betreuer von behinderten Menschen“ - Bericht aus dem Arbeitskreis der LAGH

Reinhard Kirchner

 

Zunächst mag es verwundern, daß ausgerechnet eine Dachorganisation, in der sich überwiegend selbst betroffene Menschen mit einer Behinderung in Verbänden organisiert haben, das Thema aufgreift, mit welchen psychischen Belastungen ihre Betreuer zu kämpfen haben. Die Fragestellung nach der psychischen Belastung der nicht professionellen Betreuer von behinderten Menschen ist für eine Dachorganisation wie die der LAGH aber allein schon deshalb von Bedeutung, weil

  1. ein Teil der Mitglieder der LAGH auch aus Angehörigengruppen besteht,
  2. es im Interesse der unmittelbar betroffenen behinderten Menschen liegt, daß Wege gefunden werden, die ihre Betreuer entlasten und dadurch auch die eigene Situation verbessern.

Die LAGH hat deshalb in einer Fragebogenaktion ihre Mitgliedsverbände um Stellungnahme zu dieser Thematik gebeten.

Der Vorsitzende der LAGH, Herr Maximilian H. Maurer, hat die ersten Ergebnisse der Fragebogenaktion in einem schriftlichen Bericht zusammengefaßt und am 23. April 1993 bei den Darmstädter Gesprächen, 9. Seminar zu psychosozialen Aspekten chronisch Kranker vorgetragen.

In einer Fachtagung der LAGH im Rahmen der Mitgliederversammlung im Jahr 1993 wurde das Thema weiter vertieft.

Mit dem Hauptreferat des Vorsitzenden und der vom Geschäftsführer der LAGH moderierten Podiumsdiskussion mit Vertretern aus den Mitgliedsverbänden wurde vor geladenen Gästen, Teilnehmern aus den Mitgliedsverbänden und Vertretern der Medien die Problematik dargestellt und eingehend diskutiert. Im Mittelpunkt stand die Fragestellung, wie und unter welchen Bedingungen bei der Betreuung behinderter Menschen sich Belastungen psychisch äu-ßern und welche Hilfestellungen für die nicht professionellen Betreuer entwickelt werden müssen.

Die nun vorliegende Zusammenfassung ist das Ergebnis eines im Anschluß an die Fachtagung gebildeten Arbeitskreises der LAGH.

Zusammenfassender Bericht des Arbeitskreises der LAGH

Obgleich die Öffentlichkeit informiert ist, daß ein Großteil der Betreuung, Versorgung und Pflege behinderter Menschen von den Familienangehörigen, Verwandten oder Freunden ü-bernommen wird, ist nur unzulänglich bekannt, welchen massiven, insbesondere psychischen Belastungen die Angehörigen ausgesetzt sind.

Der Begriff psychische Belastung macht deutlich, daß Belastung und Belastbarkeit individuell erfahren werden und sich sehr unterschiedlich psychisch manifestieren. Hinzu kommt, daß je nach Behinderungsart und je nach Ausübung der Betreuungsfunktion innerhalb unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche (Familie, Freizeitbereich, Öffentlichkeit) sich nicht so ohne weiteres gültige Kriterien für die psychische Belastung von Helfern aufstellen lassen.

Der vorliegende Ergebnisbericht wird deshalb im ersten Teil allgemein die Merkmale der psychischen Belastung bei nicht professionellen Betreuern, insbesondere bei den Familienangehörigen, beschreiben.

Im zweiten Teil wird die psychische Belastung der Menschen mit unterschiedlicher Behinderung und der sich daraus ergebenden Konsequenzen für den Betreuer beschrieben. Hierbei werden paradigmatisch einzelne Behinderungsgruppen behandelt, um den Problembereich zu erläutern.

Im dritten Teil werden thesenartig Forderungen formuliert, die erfüllt werden müßten, damit die im Umgang mit behinderten Menschen resultierenden Probleme angegangen werden können.

I. Allgemeine Merkmale der psychischen Belastung

Wird ein Familienmitglied krank oder behindert, dann sind alle anderen Familienangehörigen auch betroffen.

Menschen die von Geburt behindert sind, müssen sich beispielsweise ständig mit ihrer Situation auseinandersetzen, sie müssen lernen, ihre Behinderung zu akzeptieren und ihr Leben trotz vieler Einschränkungen möglichst lebenswürdig zu gestalten.

Dies gilt im gleichen Maße für die Angehörigen. Sie sind betroffen in dem Maße, daß nicht nur der Alltag mit einem behinderten oder chronisch kranken Angehörigen anders gestaltet werden muß; es müssen ständig Hilfs- und Betreuungsmaßnahmen vollbracht oder organisiert werden.

So gesehen spielt es keine wesentliche Rolle, ob die Behinderung oder chronische Krankheit eines Familienangehörigen von Anfang an da ist, schleichend verläuft oder plötzlich eintritt.

Zusammengefaßt lassen sich die Ursachen für die psychische Belastung in der Regel folgendermaßen kennzeichnen:

1. Aufarbeitung des Schocks bei der Kenntnisnahme von chronischer Krankheit oder Behinderung eines Angehörigen.

Diese Phase müssen fast alle Angehörigen durchlaufen. Bei Eltern, die erfahren, daß sie ein behindertes Kind bekommen oder bekommen haben, verläuft dieses Schockerlebnis ähnlich wie bei der Familie, die durch Unfall oder bei Kenntnis über die Schwere einer chronischen Krankheit eines Angehörigen betroffen wird.

Ein gemeinsames Kennzeichen der Belastung Angehöriger in dieser Phase der unmittelbaren Konfrontation mit der chronischen Krankheit oder Behinderung eines Angehörigen ist der Umstand, daß die Angehörigen vollkommen auf sich alleine gestellt sind. Freunde, Bekannte oder weiter entfernte Verwandte meiden gerade in dieser Phase den Kontakt mit den betroffenen Angehörigen und sind selten eine Stütze.

Auch von fachlicher Seite fühlen sich die Angehörigen im Stich gelassen. Ärzte klären in der Regel lediglich über die Diagnose auf. Ihnen ist häufig nicht bekannt, welche Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen es bei den fachspezifischen Behindertenverbänden gibt um psychische Hilfen anzubieten. Die Angehörigen erleben diese Phase als besonders schmerzhaft.

2. Weitere Kennzeichen der psychischen Belastung ist die ungeklärte und ungewisse Zukunft der zu betreuenden Person.

Das direkte Miterleben und Mitspüren der Ängste und der Hoffnungslosigkeit, sowie die selbsteingebrachten Empfindungen - wie geht es meinem Angehörigen, kann ich für ihn ausreichend sorgen - verstärken gewissermaßen den Leidensdruck der Angehörigen.

3. In der Regel sind die Angehörigen auch einer vermehrten körperlichen Belastung ausgesetzt.

Der betroffene Angehörige muß betreut oder gepflegt werden, Besuche zwischen Krankenhaus, Arzt und Wohnung müssen organisiert werden. Es gibt kaum einen Bereich, der von dem Betroffensein des Angehörigen nicht erreicht wird. In erster Linie sind es in den Familien die Mütter und Ehefrauen, die sich durch permanente Selbstüberforderung an den Rand von körperlicher und seelischer Erschöpfung bringen. Familien mit behinderten und chronisch kranken Menschen kommen oftmals in die Isolation, werden sprachlos und geraten zunehmend in eigene seelische Not.

4. Das Spannungsfeld innerhalb der Familie oder einer Partnerschaft.

Hilfe und Pflege Angehöriger findet im Spannungsfeld zwischen eigenen Bedürfnissen und Wünschen der Pflegebedürftigen statt. Oftmals entsteht eine besondere Art der Belastung dadurch, daß die pflegenden Betreuer, besonders bei Kindern, Angst haben etwas falsch zu machen oder die Hilfe nicht ausreichend bewerkstelligen zu können und dadurch Schaden beim Betroffenen herbeiführen. Die unmittelbaren Angehörigen (z. B. ältere Geschwister, Ehepartner) sind gezwungen, sich in der Rolle als Helfende und Pflegende Verhaltensweisen anzueignen, die im Widerspruch zur partnerschaftlichen Beziehung stehen. Mit der Rolle als Helfer in einer partnerschaftlichen Beziehung entstehen Schuldgefühle. Helfende Familienmitglieder teilen das Leid eines behinderten Angehörigen. Sie müssen dabei nicht nur dem Patienten helfen seine Leidenssituation zu bewältigen, sie müssen auch lernen, mit ihrem eigenen (Mit-)Leid fertig zu werden.

5. Gemeinsames Kennzeichen der Familien mit behinderten Angehörigen ist, daß sie oft einer verständnislosen Öffentlichkeit gegenübertreten.

Behindert und chronisch krank wird heute immer noch als Verschulden von Eltern betrachtet. Aussagen wie - im Zeitalter der Pille dürfte es keine behinderten Menschen geben - machen deutlich, unter welchem enormen Druck Eltern behinderte oder chronisch kranke Kinder aufziehen müssen.

Ist es auf der einen Seite die Verständnislosigkeit gegenüber Behinderung und behinderten Menschen, so ist es auf der anderen Seite - so paradox es klingen mag - der, aus dem Verständnis der humanen Nächstenliebe entstandene Begriff des behinderten und chronisch kranken Menschen, der den Umgang im Alltag und innerhalb der unterschiedlichen öffentlichen Bereiche Familie, Kindergarten, Schule, Freizeit, Arbeitsbereich, erschwert.

Menschen mit Behinderung werden in erster Linie als hilfsbedürftige Objekte und nicht als Subjekte einer Gemeinschaft gesehen. Dies ist ganz wesentlich auch für die Familienangehö-rigen oder die nicht professionellen Betreuer von behinderten Menschen von Bedeutung, da sie mehr oder weniger zusammen mit den behinderten Angehörigen als hilfsbedürftig, arm, vom Schicksal hart geschlagen, beurteilt werden.

Es ist also der ständige Kampf, sich erklären oder rechtfertigen zu müssen, der eine große psychische Belastung bei den betreuenden Angehörigen verursacht.

Resümee

Die hier nur auf die wesentlichsten Aspekte beschränkten Merkmale der psychischen Belastung von Angehörigen chronisch Kranker und behinderter Menschen zeigen deutlich, daß Behindertenarbeit nur dann effizient geleistet werden kann, wenn auch die Angehörigenbetreuung und -beratung einen breiten Raum aller möglichen Hilfsmaßnahmen einnimmt.

Wie komplex und differenziert allerdings diese Hilfsangebote sein müssen wird deutlich, wenn man die psychische Belastung der Angehörigen auch unter fachspezifischen Behindertenmerkmalen betrachtet.

II. Die psychische Belastung der Menschen mit unterschiedlicher Behinderung

Da der vorliegende Bericht nicht auf alle der in der LAGH vertretenen fachspezifischen Behindertengruppierungen eingehen kann, soll die psychische Belastung von Angehörigen und nicht professionellen Betreuern anhand von ausgewählten Beispielen unter behindertenspezifischen Gesichtspunkten beleuchtet werden.

Unter dem Blickwinkel der unterschiedlichen Behinderungsarten ergeben sich für die betreuenden Angehörigen auch ganz spezielle Formen psychischer Belastungen. Es macht beispielsweise einen wesentlichen Unterschied, ob die zu betreuende Person körperlich sichtbar behindert oder nicht sichtbar behindert und chronisch krank (Dialysepatienten, Stoffwechselerkrankte) ist.

Handelt es sich infolge von chronischer Krankheit und Behinderung um eine Beeinträchtigung des Sinnes- und Wahrnehmungsapparates (Hörgeschädigte, Schlaganfallbetroffene, Blinde, geistig Behinderte) dann ist im wesentlichen die unmittelbare Kommunikation gestört und wird zur großen Belastung für die betreuenden Angehörigen.

In den weiteren Ausführungen wird die Problematik der psychischen Belastung an folgenden Krankheitsbildern dargestellt:

Aus der Gruppe der Körperbehinderten

1. Rheuma
2. Heredo-Ataxie

Aus der Gruppe der Organerkrankten

3. Nierenkrankheiten

Aus der Gruppe Anfallskranker und Sinnesgeschädigter

4. Aphasie
5. Epilepsie
6. Sehbehinderte und Blinde

1. Rheuma

Hier sind es im wesentlichen Zukunftsängste, die die betreuenden Angehörigen belasten. Eine erhoffte Behandlung hat möglicherweise nicht den Erfolg gebracht und obwohl so viel getan wurde, ist die chronische Erkrankung nicht besser geworden.

Das unmittelbare Miterleben sowie daraus resultierende Verhaltensweisen beim Betreuer erzeugt andererseits wieder zunehmend gereizte Empfindlichkeit bei der zu betreuenden Person und die Folge ist oftmals ein Rückzug in die Isolation.

Angehörige und Partner von rheumakranken Menschen stehen ständig unter dem Handlungsdruck, das Leid irgendwie in den Griff zu bekommen. Permanente Selbstüberforderung und Hoffnungsmüdigkeit verursachen körperliche und seelische Erschöpfung und eine Sprachlosigkeit, hinter der sich die eigene seelische Not verbirgt.

Gerade die Sprachlosigkeit verhindert aber oftmals ein gemeinsames Gespräch, damit angebotene Hilfen wahr- und angenommen werden können.

Angehörige sind auch vermehrten körperlichen Belastungen ausgesetzt. Der Alltag ist geprägt von der Pflege des Angehörigen, von Besorgungsfahrten, Besuchen im Krankenhaus und mühsamen Verhandlungen mit Krankenkassen und Behörden.

Betreuer von schwer rheumakranken Menschen sind psychisch schwer belastet und bedürfen einer besonderen Form der Hilfestellung.

2. Heredo-Ataxie

Eines der wesentlichen Merkmale dieser Krankheit ist ihr progredienter Verlauf. Sehr schleichend ist oftmals der Prozeß von einzelnen Bewegungseinschränkungen bis hin zur vollständigen Lähmung des Bewegungs- und Sprachapparates.

Eltern erleben die Diagnose über die Krankheit eines Angehörigen, insbesondere bei ihrem Kind, als Schock. Mediziner klären zwar über das Krankheitsbild auf, können jedoch für die Eltern keine unmittelbare Hilfe anbieten.

Für die Angehörigen ist die psychische Belastung besonders groß, da mit der Krankheit des Familienmitgliedes in der Regel die Behinderung zum Mittelpunkt des Alltags wird. Oftmals stellen Eltern ihre eigenen Bedürfnisse ganz zurück und widmen sich nur noch der Pflege und Betreuung des Kindes.

Im progredienten Verlauf der chronischen Krankheit liegt die ständige Sorge, daß sich die Krankheit nicht zu schnell verschlechtert. Mit der Behinderung eines Kindes oder eines nahen Angehörigen zu leben, bedeutet einen ständigen Kampf. Nicht nur die Familie verändert sich dadurch sondern auch die Partnerschaft. Man denkt nicht mehr nach über andere Dinge. Das Hauptthema bleibt die Behinderung und die Angst vor ungewisser Zukunft. Schuldzuweisung an sich selbst und dem Partner gegenüber sind alltägliche Wegbegleiter.

Hinzu kommen Ängste, wie lange es die Angehörigen schaffen werden, den täglichen Anforderungen gerecht zu werden. Wie lange ist man selbst gesundheitlich in der Lage den nahen Angehörigen zu pflegen?

Werden die finanziellen Mittel ausreichen auch die zukünftige Pflege und Betreuung des Kindes oder des nahen Angehörigen zu ermöglichen, wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist?

Dies sind Ängste und Ausdruck einer psychischen Belastung, die sich Nicht-Betroffene nur schwer vorstellen können.

3. Nierenkrankheiten

Das Zusammenleben mit einem Dialysepatienten oder Nierentransplantierten ist für einen Angehörigen oder Lebenspartner immer eine große psychische Belastung.

Alles dreht sich um den Patienten. Dabei müssen sich die Angehörigen mit den Stimmungen des Erkrankten, mit den Einschränkungen in der Vitalität durch die Krankheit und mit der Todesangst des Patienten ständig auseinandersetzen. Bei Dialysepatienten ist der ganze Tagesablauf und die Wochenplanung von der Dialyse- oder Heimdialyse streng vorgegeben.

Die Lebensplanung in der Familie, in der Partnerschaft gerät aus den Fugen. Die Angehörigen und Partner sind ständig überfordert und stehen unter dem Zwang, das zu tun, was der Patient vom Partner erwartet, oder was er glaubt, daß der Patient erwartet. Eigene Gefühle und Bedürfnisse bleiben häufig unberücksichtigt.

4. Aphasie

Bei der Betreuung mit aphasiekranken Menschen besteht im Alltag in erster Linie das Kommunikationsproblem.

Der zu betreuende Partner oder Helfer ist dauernd damit konfrontiert nicht mehr verstanden zu werden. Außerdem versteht er auch den erkrankten Angehörigen nicht. Mit den unvermeidbaren Mißverständnissen und dem eigenen Ärger und Frust, die der Betreuer meist nicht abbauen kann, muß er lernen umzugehen.

Ganz besonders schmerzhaft ist das Abfinden mit der Tatsache, daß der gegenseitige Austausch, wie er vor dem Sprachverlust, der Sprachstörung, selbstverständlich war, nicht mehr möglich sein wird, obwohl der Betroffene seine Denkfähigkeit und sein Wissen nicht verloren hat.

Die zu betreuenden Personen übernehmen eine Beschützerrolle, die einer Gratwanderung gleicht. Zum einen wird man den Betroffenen vor negativen Reaktionen (Mitleid, Unsicherheit, Ablehnung) schützen, zum anderen wehrt man sich gegen den Eindruck einer Überbehü-tung und -betreuung.

Da bei dem Aphasiker außerdem eine Antriebsschwäche, verminderte Belastbarkeit, schnellere Ermüdbarkeit und eine geringe Konzentrationsfähigkeit besteht, ergibt sich für die Betreuer eine zusätzliche psychische Belastung. Eigene Interessen und Bedürfnisse müssen in den Hintergrund treten. Der Alltag richtet sich ausschließlich nach dem Betroffenen. Der Tagesablauf muß organisiert werden. Therapie, Behandlungstermine und Arztbesuche bestimmen die wö-chentliche Alltagsstruktur. Gemeinsame Unternehmungen müssen unter besonderer Berücksichtigung des erkrankten Partners geplant und organisiert werden.

Was vor der Erkrankung gemeinsam besprochen und entschieden wurde (z.B. Haushaltsfragen, Kindererziehung) muß nun alleine und eigenverantwortlich übernommen werden.

Wenn der Betroffene neben der Aphasie und deren Begleiterscheinungen zusätzlich eine Halbseitenlähmung hat und/oder auf den Rollstuhl angewiesen oder sogar bettlägerig ist, erwächst bei ganz alltäglichen Hilfestellungen eine besondere psychische Belastung für den Betreuer. Oftmals wird in diesen Fällen eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung beim Aphasiker notwendig. Er braucht ständige Hilfe für die alltäglichen Dinge: Körperpflege, Gang zur Toilette, An- und Auskleiden, Treppen auf- und absteigen. Er braucht ständig Anregungen, Ermutigung und Anleitung zur eigenen sinnvollen Beschäftigung.

5. Epilepsie

Die Angehörigen von anfallskranken Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen leiden weit mehr unter den Vorurteilen und ausgrenzenden Reaktionen der Mitmenschen, als unter der Krankheit der zu betreuenden Angehörigen. Wenn auch die Krankheit Epilepsie in der Regel heute gut behandelbar ist, besteht die permanente Angst, die Krankheit des Familienmitgliedes nicht verbergen zu können, die Angst vor dem nächsten Anfall, die Angst vor Verletzungen, die Angst vor dem nächsten Klinikaufenthalt.

Im Kampf um die Anerkennung der Krankheit Epilepsie müssen die betreuenden Angehörigen immer wieder zusätzliche Energien aufwenden. Häufig werden beispielsweise an Epilepsie erkrankte Kinder nicht in den Regelkindergarten oder die Regelschule aufgenommen, obwohl die Kinder die intellektuellen Voraussetzungen mitbringen.

Dies als Eltern und Angehörige zu akzeptieren, ist eine nicht unerhebliche psychische Last, insbesondere auch im Hinblick auf den Verlauf der Krankheit und die Zukunft des erkrankten Menschen. Sorgen also, von denen sich die Angehörigen und Betreuer nicht freimachen können.

6. Blindheit und Sehbehinderung

Die spezifischen Probleme der Betreuung von sehbehinderten und blinden Menschen ergeben sich insbesondere aufgrund des fehlenden Blickkontaktes.

Im mitmenschlichen Umgang spielt der Blickkontakt und alle sonstigen Botschaften der Körpersprache eine entscheidende Rolle. Besonders in Konfliktsituationen kann eine Botschaft per Blickkontakt oder Körpersprache sehr hilfreich sein.

Daß diese Art der Verständigung weitgehend oder ganz im Kontakt zwischen Blinden und Sehbehinderten und ihren Helfern ausfällt, hat für beide Seiten erschwerende Konsequenzen. Der Partner und Betreuer vom sehbehinderten und blinden Menschen wird gewissermaßen zum Ersatz und Sehwerkzeug.

In dieser Rolle ist Partnerschaft und ein Miteinander besonders erschwert. Psychisch belastend ist vor allem das "Dauerverständnis" für die Probleme blinder und sehbehinderter Menschen, die vom betreuenden Angehörigen und Partner abverlangt werden. Dieses Verständnis gegenüber den zu betreuenden sehbehinderten und blinden Menschen wird nicht nur vom betroffenen Ehepartner, sondern auch von den Verwandten, den Nachbarn und auch von der Öffentlichkeit erwartet. Angehörige von blinden Menschen äußern sich: Die Blindheit wäre dabei sie "aufzufressen" und sie ständig aufzufordern, für den anderen etwas zu tun.

Resümee

Diese gezeigten Beispiele machen deutlich, daß die psychische Belastung je nach Behinderungsart des zu betreuenden chronisch kranken oder behinderten Menschen unterschiedliche Auswirkungen zeigt. Dies ist deshalb von besonderer Bedeutung, da selbst Mediziner, psychosoziale Therapeuten und andere Fachleute die psychische Belastung nur unter dem Gesichtspunkt der psychischen Verinnerlichung betrachten.

Belastungen werden aber erst dann verständlich, wenn sie vor dem Hintergrund von der jeweiligen speziellen und besonderen Situation des behinderten Menschen und der Angehörigen eingeordnet werden.

Die psychische Belastung der Angehörigen kann nur Entlastung finden, wenn man Hilfskonzepte entwickelt, die auch die speziellen, aus der unterschiedlichen Behinderungsart resultierenden Probleme berücksichtigt. Deshalb ist es plausibel, daß Angehörige von chronisch kranken und behinderten Menschen, gerade in behinderungsspezifischen Betroffenen- und Angehörigenselbsthilfeverbänden, einen Ansatzpunkt für Aufarbeitung psychischer Belastung sehen.

III. Forderungen

Ausreichende finanzielle Unterstützung der Behindertenselbsthilfeverbände

Die meisten Forderungen der in der LAGH vertretenen Behindertenfachverbände gehen dahin, dem Bereich der Selbsthilfe noch einen größeren Stellenwert beizumessen. Die Behindertenfachverbände und Selbsthilfeverbände müssen in die Lage versetzt werden ohne zusätzliche finanzielle Belastung sich mit gleichartig Betroffenen zusammenfinden zu können.

Öffentlichkeitsarbeit

Ein zentraler Punkt innerhalb dieses Prozesses "Hilfe zur Selbstkritik" ist auch die Öffentlichkeitsarbeit über die unterschiedlichen Behinderungsarten, damit besser gegen herrschende Vorurteile angegangen werden kann.

Die Öffentlichkeit ist in der Regel nur durch einen hohen finanziellen Aufwand zu erreichen. Informationsbroschüren müssen erarbeitet, verlegt und verteilt werden. Veranstaltungen über behindertenspezifische Probleme von Betroffenen und Angehörigen müssen organisiert und durchgeführt werden.

Hierbei fühlen sich insbesondere die Angehörigen von chronisch kranken und behinderten Menschen überfordert.

Die psychische Entlastung der nicht professionellen Betreuer von behinderten Menschen als Konzept in der Behindertenhilfe

Die Landesarbeitsgemeinschaft "Hilfe für Behinderte" in Bayern e.V. fordert deshalb alle mit der Behindertenarbeit befaßten Stellen auf, die Problematik der psychischen Belastung von nicht professionellen Betreuern und Angehörigen verstärkt in das Blickfeld zu nehmen.

Wenn auch die psychische Last und Belastung niemals ganz von den Angehörigen und nicht professionellen Betreuern von chronisch kranken und behinderten Menschen genommen werden kann, so müßte es wenigstens möglich sein, die Lebensumstände von Menschen mit Behinderung und ihrer Angehörigen so zu verbessern, damit Kräfte freigesetzt werden können, sich auch mit eigenen schwierigen, psychischen Situationen als Betreuer oder betreuender Angehöriger bewältigen zu können.

 

München 1993

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