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Junge Selbsthilfe. Nachwuchsarbeit. Generationswechsel.: Zukunftsfragen für die Selbsthilfe

Nicole Lassal, LAG SELBSTHILFE Bayern e.V.

Das Prinzip Selbsthilfe hat mittlerweile eine breite Zustimmung in der Gesellschaft gefunden: Der Austausch mit Gleichbetroffenen, die gegenseitige Unterstützung von Mitgliedern, deren Alltag von ähnlichen Erfahrungen und Problemen geprägt ist, wird als wichtige Unterstützung von Menschen mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung und deren Angehörigen anerkannt. Die verbandlich organisierte Selbsthilfe geht noch einen Schritt weiter: Sie steht für eine eigenständige Expertise, die sich aus der kritischen Reflektion der einzelnen Erfahrungen und den daraus abgeleiteten Maßnahmen und Konzepten ergibt. Selbsthilfeorganisationen sammeln und repräsentieren die individuelle und fachliche Kompetenz von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung als Experten in eigener Sache und haben sich auf Bundes-, Landes- sowie örtlicher Ebene einen festen Platz im Gesundheits- und Sozialwesen erobert.

Im Sinne der Zukunftssicherung von Selbsthilfeorganisationen ist es unverzichtbar, immer wieder neue Mitglieder für die Idee der Selbsthilfe zu begeistern und langfristig Neumitglieder in den Verband zu integrieren. Die Frage der Nachwuchsgewinnung muss als fortlaufende Aufgabe der Organisationen verstanden und darf nicht als vereinzeltes Problem betrachtet werden, wenn gerade ein Gruppenleiter oder ein Vorsitzender aufhört. Selbsthilfeorganisationen brauchen permanenten Zufluss von neuen Mitgliedern, um ihren Bestand zu sichern und Funktionsträger für Gruppen- und Vereinsleitungsämter zu rekrutieren.

Der gesellschaftliche Wandel hin zu mehr Individualisierung und die Veränderung von Kommunikation im heutigen Zeitalter der Digitalisierung stellt Selbsthilfeorganisationen vor die Frage: „Sind wir noch zeitgemäß?“

Dem steht gegenüber, dass die Bedarfsfelder der Selbsthilfe sogar noch anwachsen angesichts des demographischen Wandels und der zunehmenden Hilfs- und Pflegebedürftigkeit einer älter werdenden Gesellschaft sowie der Ausdifferenzierung der Diagnostik im Bereich der seltenen chronischen Erkrankungen und Behinderungen.  Selbsthilfeorganisationen stellen trotzdem fest, dass es zunehmend schwieriger wird, junge Menschen für die Selbsthilfe zu gewinnen und langfristig zu binden. Je nach Krankheitshintergrund der Selbsthilfeorganisation kann dabei die Altersspanne von „Jungen Mitgliedern“ erheblich differieren. Bei chronischen Erkrankungen, die erst üblicherweise im höheren Alter auftreten, kann mit jungen Leuten auch die Zielgruppe der 35 bis 50 Jährigen gemeint sein.

Selbsthilfeorganisationen müssen sich innerhalb einer modernen Informationsgesellschaft der Tatsache stellen, dass neubetroffene junge Menschen zunächst ein hohes Informationsbedürfnis haben und anonyme digitale Informationsangebote präferieren. Viele Selbsthilfeorganisationen haben sich darauf bereits eingestellt und bieten professionelle Internetauftritte, moderierte thematisch gegliederte Foren oder Chat-Rooms an. So wird der erste Kontakt zur Selbsthilfe hergestellt.

Bewältigungsstrategien zu einer chronischen Krankheit oder Behinderung lassen sich jedoch langfristig nicht über reine Informationskanäle oder virtuell entwickeln, sondern brauchen das gemeinschaftliche Erleben. Diese Erkenntnis ebnet den Weg in die Gruppe. An dieser Stelle ist es unverzichtbar, dass Selbsthilfeorganisationen die Motive und Vorteile des Gemeinschaftslebens kommunizieren und als wesentliches Qualitätsmerkmal propagieren. Gerade das in der Selbsthilfe praktizierte Prinzip der Hilfe auf Gegenseitigkeit sollte betont werden, auch als Gegensatz zu einer rein konsumorientierten Haltung.

Wenn neue Mitglieder die Gruppen der Selbsthilfe besuchen oder an deren Aktivitäten teilnehmen, müssen sie hier auch auf entsprechende Angebote und eine Willkommenskultur treffen. Junge Neumitglieder möchten z.B. nicht mehr nur über ihre Krankheit sprechen, hier können gemeinsame (Freizeit)Aktivitäten eine größere Rolle spielen. Die Krankheitsthematik wird dann nebenher aufgearbeitet. Für Selbsthilfe muss es Teil der Organisationsentwicklung sein, zu überprüfen, ob der Verband mit seinen Angeboten ausreichend auch neue Mitglieder anspricht. So können z. B. spezifische Arbeitskreise oder Treffen für jüngere Menschen, reine Frauengruppen etc. den Wünschen von Neumitgliedern entsprechen, was die Erfahrung der bayerischen Selbsthilfeorganisationen bereits gezeigt hat.

Ein weiterer Pluspunkt des Engagements in der Selbsthilfe ist der beinahe zwangsläufige Erwerb von Kompetenzen z. B. über die Krankheit und Behinderung, über Heil- und Hilfsmittel, über die verschiedenen medizinischen Therapien bis hin zu Rechtsfragen und Durchsetzung von Ansprüchen. Übernehmen Neumitglieder Verantwortung - als Gruppenleiter oder in einem Amt des Vereins - ist damit ein auch für die eigene Biographie wichtiger Erwerb von Handlungskompetenzen z. B. bei der Übernahme von Führungsverantwortung verbunden. Viele bayerische Selbsthilfeorganisationen bieten bereits spezielle Seminare für Gruppenleiterschulungen, im Vereinsrecht, zur Moderation oder auch zur Konfliktbewältigung an, um den Nachwuchs entsprechend fortzubilden.

Damit sich der Einzelne auch eine solche Funktion zutraut, ist es immens wichtig, in der Selbsthilfe eine Kultur der Verantwortungsverteilung auf mehreren Schultern zu leben. Stark hierarchisch gegliederte Organisationsstrukturen sind weniger geeignet Neumitglieder zu ermutigen sich verantwortlich einzubringen. Dies setzt die Bereitschaft der Selbsthilfeorganisation voraus, neue Ideen und Innovationen von Neumitgliedern anzunehmen und eine konstruktive innerverbandliche Diskussionskultur zu pflegen.

Selbsthilfe bedeutet Austausch von Gleichbetroffen, durch wechselseitige Erfahrung in der Gruppe voneinander lernen, und dabei gegenseitige soziale Unterstützung erfahren. Selbsthilfe im Verband geht noch weiter und heißt auch, aus der Kenntnis individueller Lebenslagen und Probleme Lösungsvorschläge und Forderungen abzuleiten.

Selbsthilfeorganisationen bieten ihren Mitgliedern die Möglichkeit der Mitwirkung auf verschiedenen Ebenen. In jener Hinsicht ist Selbsthilfe auch politische Interessensvertretung. Im Zeitalter der UN-Behindertenrechtskonvention ist Selbsthilfe aufgerufen, den inklusiven Sozialraum mitzugestalten oder auch Beiträge zur Verbesserung des Gesundheits- und Versorgungssystems zu bringen. Selbsthilfeverbände eröffnen hier Beteiligungsmöglichkeiten, was für potentielle Neumitglieder als Möglichkeit des politischen Engagements durchaus attraktiv sein kann.

Zur Zukunftssicherung einer jeden Organisation gehört es nicht nur, neue Mitglieder sowie ehrenamtliche Funktionsträger zu gewinnen. Um einen fortlaufenden und nachhaltigen Generationenwechsel zu befördern, gilt es, das Spannungsfeld zwischen Innovation und Kontinuität sowie Wandel und Tradition wohl auszutarieren, d.h. neue Impulse und Ideen müssen vor dem Hintergrund des Bestehenden und Bewährten reflektiert, diskutiert und ggf. umgesetzt werden. Eine zukunftsfähige Organisation muss sich auch immer wieder – im Dialog zwischen langjährigen und neuen Mitgliedern – mit ihrer Identität und Organisationskultur auseinandersetzen. Gemeinsame Grundlagen und die gemeinsam erstrebten Ziele sollten nie als Selbstverständlichkeit erachtet werden, sondern müssen permanent gemeinsam neu- oder wiederbegründet werden. Dieser Prozess benötigt Ressourcen: Zeit und manchmal auch finanzielle Unterstützung. Langfristig erreichen wir damit die Weiterentwicklung und Fortbestand lebendiger und zukunftssicherer Selbsthilfeorganisationen.

 

München, 23. Juni 2015

 

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